Ansichten eines schlampigen Realisten – ein Gespräch mit Ronald Kodritsch

Claus Philipp

Ansichten eines schlampigen Realisten – ein Gespräch mit Ronald Kodritsch

Wenn du selber eine Kurzbeschreibung des Materials geben müsstest, das in
dieser Ausstellung, in diesem Katalog versammelt ist, welche Momente würdest
du für dich zusammenfassen?
“Menschenspiel” – das Wort trage ich schon viele Jahre mit mir herum. Ich
hab da immer an eine Art Weltentheater, Marionettentheater gedacht, wer auch
immer da die Fäden zieht: Leben als Spiel, zwischenmenschliches Spiel – das
ist das Thema. Mit allen Verkleidungen. Die Arbeiten sind ein bisschen
weniger verspielt als im letzten Katalog “Leck”. Farblich reduzierter.
Schlampiger Realismus, würde ich sagen.

Das, was du machst, hat oft einen seriellen Charakter…
In diesem Fall weniger, das sind meist Einzelstücke. Und ein paar Arbeiten,
die jeweils rund um ein Thema, ein Motiv kreisen. Obwohl – es ist jedes Mal
eine Qual, ein neues Motiv zu finden, etwas, das mich interessiert. Es wäre
mir gar nicht unrecht, wieder seriell zu arbeiten.

Weil eine Serie den Vorteil hat, dass man den Zweifel am Motiv, dadurch, dass
man es fortwährend variiert, abarbeitet?
Man denkt gar nicht mehr ans Motiv – das ist das Tolle daran. Man verleibt
sich das Motiv ein, wie eine Sprache. Man konzentriert sich auf ganz andere
Dinge und hat den Kopf freier. Bevor ich zu malen beginne, muss ich mich
natürlich immer quälen. Da bin ich dauernd auf der Suche: Was interessiert
mich, was könnte ich machen? Andererseits: In der Gegenüberstellung finde ich
Einzelstücke spannender. Zeichnungen, Malereien, Videos – miteinander und
gegeneinander um eine bestimmte Situation zu schaffen. Die daraus
resultierenden Stilbrüche. Ich finde die sehr schön, weil sie enorme
Spannungen entwickeln.

Die Sujets und Motive scheinen fast wie musikalische Akkorde zu
funktionieren.
Vieles entsteht halt im Spiel, durch Übungen oder “Therapiezeichnungen”, die
gar nichts damit zu tun haben, dass man “Kunst” macht. So wie man mit
Bausteinen spielt, sich unbefangen mit jemandem unterhält oder
Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Aber, ganz wichtig, es geht nicht ums
Gewinnen, sondern nur darum, etwas zu tun. Das ist mir eigentlich am
liebsten. Aber nicht immer ist man so entspannt, und dann kommt es eben zu
diesen Suchereien – man hat ein verschwommenes Bild im Kopf oder ein Gefühl
im Bauch und versucht, dafür ein Sujet zu finden, was nichts anderes ist als
eine Erklärung.

Wie seltsam ist das Gefühl, wenn man das nachher als Kunst verkauft? Oder
sieht, dass es als Kunst wahrgenommen wird?
Dumm wäre es, wenn es nicht so wäre. Und manchmal finde ich gewisse
Diskrepanzen durchaus heiter. Da kommen Leute ins Atelier, Galeristen oder
Sammler, und es stehen unfertige oder halbfertige Bilder herum, und sie
meinen, das sei großartig. Das gibt es auch. Aber ich habe kein Problem, den
Punkt zu finden, an dem ich aufhöre. Ich höre wahrscheinlich sogar ein
bisschen früher auf als andere. Deswegen sind die Malereien auch oft grob und
an vielen Ecken und Enden nicht wirklich “fertig” gemalt. Gewisse Teile kann
man sich dann fertig denken. In dieser Wechselwirkung zwischen der Farbe und
den komplett nackten Stellen auf der Leinwand wirken die Bilder durchaus
verletzlich. Das hat auch mit Ungeduld zu tun. Je länger ich an etwas herumbastle,
umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Verhau wird.

Ein Beispiel: Du nimmst ein kleines Häuschen, schreibst darauf PUFF und
stellst es in eine Landschaft. Das ist ein blitzartiges Manöver. Ein “blöder”
Gedanke. Und das setzt sich dann einmal in einer Reihe fort.
Ja, bei den Puff-Häuschen war das ganz lustig, das sind im Prinzip reine
Landschaftsmalereien. So ein Häuschen kann man nicht einfach auf eine weiße
Wand stellen. Es ist ja manchmal nur eine monochrome Fläche, dieses Häuschen,
eher wie ein Gang, ein Tor in eine Landschaft. Wie so ein ausgeblitztes Haus – das
nicht wirklich durchgemalt ist. Aber sonst? Die Motive kommen von überall her – aus
Privataufnahmen, Zeichnungen, Magazinen, Internetseiten – und werden dann
verfremdet. Immer kommt etwas dazu, wird wieder was entfernt, und an der Stimmung
gearbeitet.
Kim Gordon, die ich gemalt habe, hatte ursprünglich
einen anderen Gesichtsausdruck. Bei mir wirkt sie wie ein Krieger mit einer
Waffe. Also die Waffe ist die Bassgitarre, und der Hintergrund ist eine
schwarze Nacht mit einem weißen Mond, der nicht einmal gemalt ist, sondern
ausgespart wurde. Trotzig und stark steht sie da. Das hat natürlich auch eine
gewisse Kälte.

Das Bild “Do you love me ?” – das erinnert ein wenig an den großen Löwen in den
“Chroniken von Narnia”.
(lacht:) Ja, Fantasy in Venedig. Wir waren auf dem Weg zur Biennale und kurz
vor dem Arsenale da hat meine Begleiterin dem steinernen Löwen einen Apfel
gereicht und ich hab sie dabei gezeichnet. Der Titel ist dann irgendwie
autobiografisch, und der Apfel, der muss nicht der Obolus sein, aber es ist
ein Löwe, und viele haben ihn schon für einen Affen gehalten.

Deine Arbeiten werden nicht selten als komödiantisch und komisch rezipiert.
Wie stehst du so einer Warnehmung gegenüber?
Das ist nur eine Seite und wenn Humor, dann ein schwarzer, aber komödiantisch, das klingt
so nett, zu sehr nach Kabarett. Ich bin kein Witzzeichner, das ist mir auch noch nie vorgeworfen
worden, “seltsam” ist mir da als Begriff schon lieber. Und dass ich ein bisschen rücksichtslos
umgehe mit dem Material und mit einer gewissen Haltung – ob das ein Handicap ist, weiß ich
nicht. Ich hoffe halt, dass es eine gewisse Eigenartigkeit hat. Selbst wenn es dilettantisch
wirkt: Ich würde mir nie sagen, dass ich irgendetwas nicht machen kann oder nicht machen
darf. Auch wenn ich es nicht machen kann – ich kann es machen.

Was hast du zuletzt definitiv nicht machen können und hättest es gerne
gemacht?
Musik, ich kann nicht wirklich Musik machen, zumindest nicht so gut wie ich
es möchte. Ich hab das ja schon bemerkt, als ich so mit 12 Jahren ganz
verbissen Gitarre geübt habe und bei Konzerten hab ich den Gitarristen dann
mehr auf die Finger geschaut, als ihnen zugehört wie sie einzelne Töne
spielen. Also: Optische Wahrnehmung! Ich habe Videos gemacht und kann nicht
wirklich Videos machen, aber diese ganzen Holprigkeiten, die da entstehen,
die sind eigentlich der fruchtbare Boden.

Aber nicht selten steht vielleicht dein Witz der Melancholie und Bitterkeit
im Weg, die in deinen Arbeiten auch mitschwingt.
Das sehe ich anders. Eine Tragödie kann meistens auch als Komödie
funktionieren, und umgekehrt. Das Video zur Kate Moss Geschichte (“Maler und
Modell”) zum Beispiel, wo ich den Superstar spiele: Natürlich ist das auch
tragisch, weil ich nicht der bin, als der ich mich ausgebe und der ich
eigentlich sein möchte. Und das tut weh. Andererseits die Improvisation und
das Lachen (ich hab es bewusst nicht herausgeschnitten): Es ist sehr viel
Spiel beim Entstehungsprozess dabei und wer dann nur den oberflächlichen
Humor sieht… der ist doch nur ein Teil von einem komplexeren Ganzen. Ich
arbeite nicht mit Pointen.

Ist Kunst für dich eine Chance, Dinge auszuagieren über die du nicht reden
kannst?
Naja, worüber man nicht reden kann, das muss man… Andererseits, es ist kein
Tagebuch – das wäre zu einfach. Aber sicher, es gibt Probleme, die kann man
totschweigen, und dann ist es vielleicht besser, wenn man sie tot malt.

Bis vor kurzem hast du ein Kurzfilmprojekt mit Helmut Berger vorbereitet:
Was hätte das werden sollen?
Berger hätte einen Maler spielen sollen, der wieder auf die Welt kommt in der
Figur eines Schauspielers. Der Titel war “Die Hölle ist ausgebucht”. Berger
steigt aus einer kosmischen U- Bahn aus, kommt auf die Welt und fährt mit
einem kleinen, schwarz lackierten Piaggo drauflos. Er ist noch nicht wirklich
angekommen und um wieder in der Welt mitzuspielen, muss er Grenzen
überschreiten und Prüfungen bestehen. Jack Bauer, mit dem ich mir das ganze
ausgedacht habe, und ich hätten Grenzpolizisten gespielt. Wir knöpfen ihm
seine Uhr ab und er meint: “Take it, die Zeit spielt meine Rolle” Er trifft
auf eine Muse und schliesslich auf eine zweite, die sich in ihrer
Gegensätzlichkeit wunderbar ergänzen und ihn wieder ins richtige, triviale
Leben führen. Der Weg dorthin ist natürlich sehr holprig. Die traurige Seite
des Helmut Berger hätte sich auch gezeigt. Zum Schluss ist er im trivialen
Leben mit seinen zwei Musen im Zimmer und jede will ihn für sich gewinnen,
unter dem Vorwand, dem Meister zu dienen. Daraus entsteht ein handfester
Streit, er wirft beide vor die Tür, sieht in den Spiegel, wäscht seine
farbverschmierten Hände und ist sich seiner selbstgewählten Einsamkeit voll
bewusst. Leider ist nichts aus diesem Film geworden. Berger hat kurzfristig
abgesagt.

Nach außen nimmst du das relativ locker, dass aus so was nichts wird.
Nein, das hat schon weh getan, das waren vier Monate intensive Arbeit ohne
Ergebnis.

Inwiefern hättet ihr für diese Geschichte unbedingt Berger gebraucht?
Wir sind durch ihn erst auf dieses Drehbuch gekommen. Ohne ihn hätten wir
diese Inspiration gar nicht gehabt, also kann man ihn durch niemanden
ersetzen. Berger ist Berger, ein Unikat.

Was spricht dich an ihm an?
Sein Leben, seine Filme. Dieses ganz, ganz schwierige Schicksal – man möchte
ja wirklich nicht mit ihm tauschen, in jungen Jahren ein Star, der mit allen
Grossen gedreht hat, und dann ist Visconti tot und Berger verwöhnt. Was mich
immer interessiert hat, ist diese totale Sturheit. Diese hyperarrogante
Haltung, die ja nur ein Schutz ist.

Hast du dir schon einmal überlegt, aus Österreich wegzugehen?
London wäre schön, New York auch – aber beides nicht leistbar.
Ich war vor kurzem in Berlin. Sehr erfrischend.

Was würdest du dir von Berlin erwarten?
Ich kann länger im Gastgarten sitzen. Wien ist schon toll, aber es wird
langsam Routine. Zumindest im Winter bin ich immer weg, diesmal gehts direkt
nach Phnom Penh. Woanders arbeiten ist eine Herausforderung, da tust du dir
anfangs schwer. Weil du völlig entwurzelt bist und mit der neuen Situation
umgehen musst. Aber das macht es dann aus. Da wieder einen Rhythmus zu
finden…

Für regelmäßige Arbeit?
(lacht:) Ich arbeite täglich von 10 bis 20 Uhr.

Du hörst viel Musik in deinem Atelier. Kommt es vor dass du beim Malen Musik
direkt in die Bilder überträgst?

Es kommt vor, dass ich immer wieder dieselbe Nummer höre, oder die selbe CD
immer wieder durchlaufen lasse, tagelang, um in einen bestimmten Rhythmus zu
kommen. Dann gibt es auch die Kraftspender: Sehr laut, Metal, Punk, Rock,
schnell gespielt, da hat man dann auch keine ruhige Hand. Ich höre wenig
elektronische Musik oder neue klassische Musik. Olga Neuwirth hat mir vor
kurzem ihre Oper “Bählamms Fest” geschenkt, unglaublich toll! Da muss ich,
ähnlich wie bei Hörbüchern aber zuhören und sowas ist als Arbeitsmusik nicht
geeignet. Prinzipiell ist es so, dass die eigene Befindlichkeit die Musik
auswählt. Wenn ich nervös bin und in dieser Stimmung arbeiten will, dann wird
die Musik auch dementsprechend. Beck mag ich sehr gerne.

—–Ursprüngliche Nachricht—–
Von: ronald kodritsch [mailto:ronald@kodritsch.com]
Gesendet: Donnerstag, 07. Dezember 2006 10:00
An: Philipp Claus
Betreff: Re: AW: text