2 Oct 2015
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Wolfgang Drechsler
Auf den Hund gekommen

Hund, Malerei – die Suchmaschine meldet nach Eingabe beider Begriffe 307.000 Seiten auf Deutsch. Nach ungefähr 50 Seiten zeichnen sich zwei Favoriten ab: einerseits Erika Billeters 2005 erschienener Prachtband Hunde und ihre Maler, andererseits zahlreiche Angebote, Porträts mit Seele ihres vierbeinigen Lieblings anzufertigen.

Über Billeters mehr als 400 Seiten dickes Buch, das 350 Gemälde aus fünf Jahrhunderten von rund 130 Künstlern versammelt, schreibt z.B. die Berner Zeitung enthusiastisch: „Kunstgeschichte aus der Hundeperspektive: Auch das ist eine ausserordentliche Kulturgeschichte, die mehr ist als ein Inventar von rund 350 meist wichtigen Gemälden. Denn die begeisterten Recherchen der Autorin zeigen überraschend, wie oft man als Betrachter dieses spezielle Motiv übersehen hat, das manchmal beiläufig, manchmal ganz zentral auftaucht. Teils sind es Naturstudien, teils Liebeserklärungen an den treuen Begleiter, teils auch höchst symbolische Darstellungen, welche die Autorin präzise anschaut und analysiert. Und damit zugleich die gesellschaftlich wichtige Rolle der Hunde nachzeichnet. Nicht überraschend: Auch auf Selbstporträts finden sich Hunde – denn den Künstlern geht es nicht anders als anderen Hundeliebhabern: Der Hund gehört dazu.”

Und was dazugehört, sollte verewigt werden: „Während Fotos im Laufe der Jahre verblassen, behält ein hochwertiges Ölgemälde seinen Charme wie am ersten Tag. Die detailgetreuen Bilder von Hunden werden auf feinstem Portraitleinen unter Verwendung lichtechter Ölfarbe in realistischer Weise gemalt.” Unter der Überschrift „Die Seele Ihres Tieres verewigt in einem Ölgemälde” wird weiters versprochen: „Nachdem ich mir in einem Gespräch mit Ihnen einen Einblick in die Persönlichkeit Ihres Vierbeiners verschafft habe, bin ich nun imstande, seine Charaktereigenschaften, speziellen Vorlieben etc. in symbolhafter Weise in einem Gemälde umzusetzen.”

Wahrscheinlich könnte dies auch Ronald Kodritsch. Er tut es aber nicht. Stattdessen malt er Bastards. Frontal blicken uns die Hunde an, leicht beleidigt und gekränkt. Als wären wir Schuld daran, dass sie aussehen wie sie aussehen. Wir sind aber nicht Schuld. Es ist das Äußere und der Charakter ihrer Herrchen und Frauchen, die sich hier spiegeln. Die Bastards sind weder so edel wie die Hunde auf Tizians Herrscherporträts noch am Rande der Gesellschaft angesiedelt wie die Straßenköter, die die Gaukler und Spielmänner von Picassos Rosa Periode begleiten. Diese Herrchen und Frauchen können wir täglich treffen. In der U-Bahn, in der Schlange vor der Kassa im Supermarkt, auf der Donauinsel. Es sind sie, die Kodritsch in Wahrheit porträtiert. Und er macht dies mit der Haltung und der Einsicht eines Malers, der im Titel seines 2006 erschienenen Katalogs weise bekennen konnte: „Ich bin ein Idiot.” Diese Einsicht stimmt versöhnlich und zeigt, wie Kodritsch und sein medial breit gefächertes Werk zu verstehen sind: Persönlich und unmittelbar, der Perfektion misstrauend, ein „schlampiger Realismus”, wie er selbst es nennt.

Mit der Serie Bastards ist Kodritsch nicht das erste Mal auf den Hund gekommen. Beim Blättern in früheren Katalogen trifft man etwa auf Blondie und Blondie II (2004, 2005), die mit ihren blonden Kunsthaarperücken bereits auf die Bastards verweisen. 2006 entsteht das repräsentative, in Haltung und Mimik auf historische Vorbilder verweisende und hinterfragende Ahnenbild II. Und es ist wohl mehr als Zufall, dass ihn gerade jener Zeitungsbericht und jenes Foto zu einem Gemälde anregen, die betitelt sind: „Letzte Ehre für den Helden auf vier Pfoten”. David Lim, Hundeführer der New Yorker Polizei, nimmt mit Kollegen Abschied von seinem Labrador Retriever Sirius, dem einzigen Hund, der bei dem Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kam. Ihm werden dieselben Ehren erwiesen wie den getöteten Polizisten. Auch bei diesem 2003 entstandenen Werk wird deutlich, wie eng bei Kodritsch oft Komik und Tragik bei einander liegen.

Written by  Chris

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