Der Gott, sein Geist, der Mensch und sein Kind, der Wurm

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Lucas Gehrmann
Der Gott, sein Geist, der Mensch und sein Kind, der Wurm

„Ein Wort stahl sich zu mir, und mein Ohr vernahm ein Geflüster davon. In beunruhigenden Gedanken, [wie sie] aus Nachtgesichten [entstehen], wenn tiefer Schlaf auf Menschen fällt, kam Schrecken und Zittern über mich und durchschauerte alle meine Gebeine. Und ein Hauch fuhr an meinem Gesicht vorbei, das Haar an meinem Leib sträubte sich. Da stand jemand, und ich erkannte sein Aussehen nicht, eine Gestalt war vor meinen Augen, ein leises Wehen und eine Stimme hörte ich […].1 Etwa zweieinhalbtausend Jahre nach Hiobs schriftlicher Aufzeichnung (einer Aussage des Elifas von Teman) unternimmt der Künstler Ronald Kodritsch mehrmals den Versuch, das Bild eines – womöglich auch dieses? – Geistes malerisch festzuhalten: in einer Serie von Portraits, die ein Gespenst mit langem Bart zeigen und das seinen Betrachtern trotz aller mittlerweile prosperierenden „anti-aging”-Mittel offen gesteht: „I’m getting old”. Wenn es in der oben zitierten Bibelstelle weiter heißt: „[…] es war still, und ich hörte eine Stimme: Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?”, erahnen wir, wer zumindest hinter Hiobs Geister-Vision gesteckt haben dürfte. Ob Ronald Kodritsch uns tatsächlich diesen „Geist” zeigt, ist ungewiss, aber auch nicht ganz auszuschließen, wäre dieser doch bereits seit Hegel und insbesondere Nietzsche nicht mehr als nurmehr ein solcher: „Wohin ist Gott?, rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! […] Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?”2

Heute sah ich in einem auflagenstarken Gratisblatt in der Wiener Straßenbahn (immer schäme ich mich ein wenig, wenn ich es zur Hand nehme, rechtfertige meine Seiten-Blicke aber mit meiner sonst pop-kulturellen Ungebildetheit) ein Foto Osama bin Ladens und dachte mir dann, der könne ja auch Pate gestanden haben für Ronalds Geisterportraits, immer wirkt sein Bart so umgehängt falsch wie bei den bärtigen Kodritsch-Gespenstern. Allerdings spukt bin Laden ja offenbar noch recht leibhaftig umher, auch wenn wir ihn nie zu Gesicht bekommen. Was, glauben wir dem Gratisblatt, allerdings fast geschehen wäre: die US-Army hatte ihn demnach schon vor Jahren irgendwo in Afghanistan so weit in die Enge getrieben, dass er leicht greifbar gewesen wäre, hätte die US-Regierung seine Festnahme nicht last minute untersagt.

Rätsel über Rätsel stellen sich in dieser Welt der Medien und der Politiken von Tag zu Tag – zum Glück, könnten wir sagen, denn für Ronald Kodritsch bilden nicht zuletzt solche Meldungen den Stoff für neue Bild-Inspirationen. Und so ist es eigentlich auch nicht entscheidend, ob seine Gestalten von der Achse des Guten oder der des Bösen stammen, ob sie auf der Straße der Sieger3 oder derjenigen der Loser daherkommen – immer haben sie einen Bezug zur Realität des alltäglichen Welt- und Regionalgeschehens, welche uns der Künstler in ihrer grotesken, tragikomischen bzw. „surrealen” Dimension vor Augen und ins Bewusstsein führt. Und sollten sie doch einmal keinen Bezug haben, können wir unschwer einen herstellen. Das geht so gut, weil Ronald Kodritsch zusehends (vergleichen wir seine jüngsten Bilder mit denen der vorangegangenen Jahre) Raum belässt für unser assoziatives Hirnsynapsenfeuerungsspiel. Das macht er, indem er zum Einen nicht geschwätzig ist – geliefert werden einige Anhaltspunkte für eine mögliche „Erzählung” und manchmal ein Bildtitel, der nicht selten mehr kryptisch ist als erhellend – und zum Anderen über seine offene, zumeist nicht elaboriert wirkende Malerei. Mit „elaboriert” meine ich: bis ins letzte Detail (und womöglich mit Korrekturen) in Form von Übermalungen, Lasuren, Schichten etc. langwierig zur „Perfektion” gebrachte Ausarbeitung. Kodritsch macht das (und kann es, wenn er will) allenfalls stellenweise, siehe z.B. die illusionistisch gemalten Kugeln in seinem „Akt mit zwei Rum-Kokoskugeln von Casali” (siehe Katalog). Dennoch lässt sich seine Malerei auch als „elaboriert” bezeichnen, nämlich im Sinne eines „perfekt” hingelegten Wurfes eines jeweils gut gerüttelten Maßes an Farbe auf die Leinwand, eher dünn und damit transluzierend aufgetragen denn pastos, und immer mit dem Spiel des Grundes korrespondierend: dann und wann bleibt dieser sogar freigestellt im Bild, ohne als „Leerstelle” zu wirken. Und immer wieder leuchtet etwas weiß auf in seinen wenn auch so schwarz-humorigen Bildern – im „Casalikugelbild” z.B. der Hintergrund (filmisch flimmernd wie das reflektierende Licht einer Projektion); in etlichen seiner Geister-Portraits und auch in den Schass-VampirInnen scheinen diese selbst zu leuchten (ich dachte bei meinem letzten Atelierbesuch spontan an spätmittelalterliche böhmische Eitemperatafeln, auf denen die Gewänder der dargestellten Heiligen nicht durch von außen kommende Lichtquellen modelliert werden, sondern durch ein vom Inneren der Figuren kommendes Licht diesen eine gleichsam magische Transzendenz verleihen). Kodritsch bezeichnet seine Malerei (im Gegensatz zu meiner einen Assoziation mit jenen altmeisterlich-akribischen Tempera-Stricheleien) als „schlampigen Realismus”, womit er ein Bekenntnis zu dem immer Prozesshaften, Offenen und Unabschließbaren einer Bild-Genese ablegen dürfte. „Ich habe kein Problem, den Punkt zu finden, an dem ich aufhöre. Ich höre wahrscheinlich sogar ein bisschen früher auf als andere. Deswegen sind die Malereien auch oft grob und an vielen Ecken und Enden nicht wirklich fertig gemalt. Gewisse Teile kann man sich dann fertig denken. In dieser Wechselwirkung zwischen der Farbe und den komplett nackten Stellen auf der Leinwand wirken die Bilder durchaus verletzlich”, sagt er in einem Gespräch mit Claus Philipp.4 Und gerade diese Verletzlichkeit dürfte maßgeblich beteiligt sein an unserem Zugang zu Kodritschs Malerei, die uns trotz aller Provokation und schwarz-satirischer Konfrontation mit uns selbst und unserem Selbstverständnis in der Gesellschaft Wege freilässt zur (kritischen) (Selbst)Reflektion: indem sie nicht dicht zugemalt ist zu einem atropophäischen Zeichen, sondern wie eine perforierte oder dünnwandige Membran (vor etwa zehn Jahren hätten wir noch gesagt: Interface/Schnittstelle) funktioniert, durch die wir unser Spiegelbild so weit gebrochen wahrnehmen, dass wir uns gerade noch (als „komische” DramaturgInnen eines tragischen? Spiels) erkennen können, ohne uns als völlig entlarvt zu empfinden. Oder, wie Andrea Schurian es einmal formulierte: „Ihm geht es, filmisch wie malerisch wie zeichnerisch um so etwas wie “ums Prinzip”: Ums Prinzip Kunst. Ums Prinzip Gesellschaft. Ums Prinzip Film. Ums Prinzip Kritik. Und ums Prinzip Comic. Er macht bewegende und bewegte Bilder. Wenn in einem Filmkapitel zum Thema Leben mit Kunst eine Putzfrau im Museum den Boden wischt und ihr plötzlich ein Bild schelmisch von der Wand zublinzelt, so dokumentiert nicht zuletzt dieses kleine Detail seine Liebe zu Comics (abgesehen davon, dass die Texte, Aktionen, Handlungen seiner ganz real existierenden DarstellerInnen durchaus Comic-Charakter haben).”5 Ersterem schließe ich mich gerne an, Letzterem nur bedingt („Comic” als eine Möglichkeitsform von „Tragic”: dann ja). Auf einem Dach eines Wiener Hauses an der Ecke Mariahilfer Straße/Getreidemarkt steht ein Mann in grauem Anzug, bebrillt und mit Aktenkoffer in der Hand. Wohl bereit zum Sprung in die Tiefe, wird er aber (vermutlich?) nicht wirklich springen. Sagt er sich doch: „Vor achtzehn Monaten sagte Zentralbankchef Bernanke, dass nach seiner Auffassung die Verluste aus der Hypothekenkrise bei rund 50 Millionen Dollar lägen und dass man die Probleme im Griff habe. Und der Mann ist nicht dumm, oder? In den letzten drei Jahrzehnten ist die Menge der Schulden im Finanzsystem regelrecht explodiert. Das Problem: die Masse der selbst geschaffenen Schulden ist durch die Finanzingenieure ungeheuer kompliziert geworden. Wenn die Wirtschaftshistoriker die Geschichte unserer Epoche schreiben, werden sie sich das Schlamassel ansehen und sagen: &Mac226;Wie, um Gottes Willen, haben die das hingekriegt?‘” Die von Ronald Kodritsch aufs Dach gestellte Nachbildung eines real existierenden und „plaudernden” Bankers” (Name der Redaktion bekannt …) trägt in ihrem Aktenkoffer angeblich echte Geheimnisse. Zurück noch einmal zu Hiob, der Bildad reden lässt: „Siehe, selbst der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein in seinen Augen, geschweige denn der Mensch, die Made, und das Menschenkind, der Wurm!”6

1 Buch Hiob, Kapitel 4,12-16, Erste Rede des Elifas, hier zit. nach: www.joyma.com/18hiob.htm
2 Friedrich W. Nietzsche, aus: „Der tolle Mensch”, Aphorismus 125, in: ders., Die fröhliche Wissenschaft, 3. Buch, Chemnitz 1882, hier zit. nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche
3 Ein Abschnitt der Wiener Mariahilfer Straße ist mit in Bronze gegossenen Hand- und Fußabdrücken prominenter österreichischer SportlerInnen „gepflastert”, über ihrer Signatur ist der Übertitel „Straße der Sieger” zu lesen. Neuerdings gibt es dazu ein weitaus sinnvolleres Pendant im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo vor zahlreichen Häusern schlichte, in den Boden eingelassene Messingtafeln Namen und Daten jener einstigen BewohnerInnen auflisten, die von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet worden sind. Detail am Rande: werden die sternförmigen „Sieger”-Plaketten in der Einkaufsstraße von den massenweise darüber schreitenden Füßen wie von selbst auf Hochglanz gehalten, müssen die Namensschilder der – freilich nicht so übertitelten – „Verlierer” (ihres Lebens, ihrer Würde, ihres Eigentums …) von Zeit zu Zeit händisch (am Boden knieend) gereinigt werden …
4 „Ansichten eines schlampigen Realisten. Ein Gespräch mit Ronald Kodritsch.” Von Claus Philipp, in: www.kodritsch.com/text05.htm und im Katalog “Menschenspiel”
5 Andrea Schurian: „Guter Ton”, in: www.kodritsch.com/text04.htm und im Katalog “Leck”
6 Buch Hiob, Kapitel 25,5-6, Dritte Rede des Bildad, hier zit. nach: www.joyma.com/18hiob.htm