Guter Ton?

Andrea Schurian

Guter Ton?

“Kunst will gelernt sein”. Solche Sachen also lernen wir von Ronald Kodritsch. Und wir lernen auch, dass Kunstdiebstahl verboten und unsichtbare Kunst relativ diebstahlsicher ist.

Ronald Kodritsch. Einer der Triple K´s, Sie wissen schon: Kellogs, Kotanyi, Kodritsch, verbunden durch die selbst bei alten Meistern ausgesprochen seltene Tugend, dass ihre Werke wirklich fertig sind, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangen. Sagt der Sammler. Auf Video. Genauer: Auf dem „SAMMLER-Saliera II -Video. Wo sich auch recht bald herausstellt, dass dieser in Geschichte und Geschichterln firme Sammler Leo, Cellini nicht für ein kleines Musikinstrument und die Saliera nicht für ein Meisterwerk hält (von wegen gebrauchsunfreundlich und nicht einmal geschirrspülmaschinenfest etc.), hingegen Dürers Hase! Wenngleich, der Hintergrund …, Drehbuch und Regie: Ronald Kodritsch. Apropos Triple K´s: Kellogs: crunchy. Kotanyi: scharf. Und Kodritsch: ?

Kunstszenisch betrachtet ist er Maler, Zeichner, Installateur, Filmemacher, außerdem Überzeugungstäter. Ja, und angeblich arbeitet er besessen daran, sein Künstler-Ego in einen Comic-Helden zu verwandeln.

„Kunst wird in speziellen Räumen präsentiert. Nichts lenkt von der Kunst ab –im Idealfall nicht einmal die Kunst selbst.” („KUNST – Der große Almanach bis Zetmalnach” – Teil 4, Kunstmarktpräsentationsfilm, Poncho Brothers, 1998/99). Kein Zweifel, es ist schon komisch, was er macht. Sehr komisch, wenn er auf einer Gartenbank und in nasal-gelangweiltem Wienerisch darüber raisonniert, wie das so war damals, als er den Klimt Gustl höchstpersönlich kennenlernen durfte: nämlich so aufregend, dass er –junger Künstler! Unverstanden! –kein Wort herausgebracht hat vor lauter Ehrfurcht und leider auch das einzige Wort, mit dem sich Klimt an ihn gewendet hat, nicht verstehen konnte. Künstlerpech aber auch (Teil 2, Kunstinspirationinformationsfilm). Oder als R. K. als extravaganter Mal-Pop-Star aus Malibu (lila gemustertes Hemd, dunkle Brille und eine derart coole Stimme, für die andere meilenweit gehen) zunehmend whiskyvergnügt und in hinreißend manieriertem Amerikanisch Interviews gibt; unter anderem läßt er uns wissen, wie froh er ist, dass die Menschen in Österreich nicht „in boxes on the road” wohnen, „you know”. Der Humor ist schräg. Der Ton ist schlecht – und das manchmal durchaus in jedem Wortsinn. Das ist gut so. Denn dann, vermutlich nur dann müssen die Ohren gespitzt und die Nerven poliert sein, um nichts zu verpassen, kein kleiner Nebensatz will überhört sein in dieser seltsamen Melange aus (kunsthistorischen) Zitaten, Persiflage, gehobenem Nonsens, messerscharfer Polemik, punktgenauer Ironie, Irrwitz, Philosophie, aus Religions-, Kunst-, Markt-, Film- und Gesellschaftskritik. Und dann auch noch Spaß am Wortspiel, am Doppelsinn. Und. Und manchmal könnte man sich am Lachen verkutzen, so sehr steckt es im Hals und will und will nicht ganz heraus, aber auch nicht mehr zurück.

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Huhn und haben gerade ein Ei gelegt. Sie wissen aber, dass diesem Ei ein besonders böses Huhn entschlüpfen wird. Was tun Sie – und warum?” Eine der, sagen wir: exzentrischen Fragen, die beantworten musste, wer zwecks höherer Weihen– natürlich! wann sonst?– zu Allerheiligen im Büro für Heiligsprechungen (Poncho Brothers, Aktion 1998) vorstellig wurde. Oder auch: „Stellen Sie sich vor, Adolf Hitler hätte keinen Bart getragen. Glauben Sie, alle Menschen würden heute Hitlerbärtchen tragen, um nicht mit Adolf Hitler verwechselt zu werden?” Geleitet wurde das Büro von der Poncho-Bruderschaft. Und die hat die Heiligsprechungen praktischerweise auch gleich videal dokumentiert.

Und damit bin ich endlich am Anfang: denn da waren die Poncho Brothers. 1998 haben sich Ronald Kodritsch und Georg Pruscha als Rocky und Roxy zu den Poncho Brothers vereinigt, ein Anarcho-Duo, die Parodie-Maschinerie, jung, unverschämt, unverfroren, kritisch – die Videos absichtsvoll und bis zur Schmerzgrenze dilletantisch in Ton, Bild und Spiel. Buster Keaton ließ grüßen (nicht Charlie Chaplin). Und natürlich klingt Poncho Brothers nicht zufällig wie Marx Brothers. Und sie erinnern natürlich nicht zufällig an Monthy Python’s Flying Circus. Und gäbe es die BBC in Österreich, dann wären die Poncho Brothers heute gar nicht zufällig weltberühmt, wer weiß. Und, eine kleine Anregung: was wäre, wenn die Kodritsch-igen Filme unter dem Aspekt der Dogma-Filme betrachtet würden?

„Wir sind Dosenöffner”: Ihr Ponchoistisches Manifest (Dogma) haben sie (natürlich) via Video verkündet und damit den Grundstein der filmischen Arbeit gelegt: neben Dresscode haben sie vor allem den Aktionscode definiert: Poncho Aktionen sind Spiele in und mit der Gesellschaft, tragen zur Verbesserung, Veränderung, Verschönerung, Verfeinerung, Verver bei. Sämtliche Unsäglichkeiten, Lehr-, Leer- und Hohlsätze haben sie verwendet, gewendet bis zur banalen Kenntlichkeit. Ergebnis: Verunsicherung des Publikums. Lachen. War eh nur Schmäh, oder? „Kunst ist ein ständiger Prozess der Fragestellung. Dabei geht es immer um die 3 W´s: Was ist Kunst? Kunst ist okay. Wo ist Kunst? Wenn Sie an unsichtbare Kunst denken, kann Sie überall sein. Warum ist Kunst? Wer ist Kunst? …” Fragen über Weisheiten über Gesetze über Mäßigkeiten, entnommen dem fünfteiligen „Kunst-Almanach bis Zetmalnach”, Teil 1: Kunstaufklärungeinführungsfilm, Drehzeit 10 Tage für alle fünf Teile. Nachhaltigkeit in der (Film)Kunst. Jeder noch so harmlos dahergestelzte Nebensatz ein gelungener Seitenhieb auf die hermetische, intellektuelle, diskursive Kunst-Szene (oder besser gesagt: auf die Szene, die sich für hermetisch, intellektuell, diskursiv und schlechthin für Kunst hält). Die Ponchos agierten mit Humor. Könnte auch sein: Galgenhumor? Ehrlich gestanden: sehr komisch. Und leider: sehr wahr. Die Mitwirkenden in den ponchoistischen Videos stammen aus dem engeren Dunst – und Freundeskreis der Brothers im Geiste, Laien allesamt und zwischen betörend hölzern und überraschend professionell. Ein Sprecher (Alfred Purrer) beispielsweise führt durch die fünf Video-Kapitel dieses seltsamen Kunstführers, sprechtechnisch und betonungsmäßig ungefähr so lebhaft wie ein Volksschüler beim Gedichte-Aufsagen. (Man merkt die Absicht und ist froh gestimmt). Beim Wort okay streckt er brav den Daumen in die Höhe (keine Wort-Bild-Schere! ist eisern eingehaltenes Dogma der Serie). Auf seinem Kopf gibt ein rutschendes Toupet dem Begriff „Scham-Haar” eine ganz eigene Bedeutung. Apropos: Scham. Viktor Klima hat bekanntlich seine gefährliche Drohung wahr- und Kunst zur Chefsache gemacht, um in der Folge Uschi Glas mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst auszuzeichnen. Ein Video der Poncho Brothers erinnert an diesen Tag. Und auch daran, dass Ronald Kodritsch, geschminkt bis zur Kenntlichkeit als Pierre Brice, auf seinem Transparent forderte: „Gebt den Preis Pierre Brice”, während ihm zur Seite Georg Pruscha mit papierener Horst-Tappert-Maske auf dem Ballhausplatz protestmarschierte, denn „Ich habe mehr für die Österreichische Wissenschaft und Kunst getan als Kollegin Glas.” Die diensthabenden Wachebeamten im Hintergrund grinsten. Die PassantInnen staunten. Marika Lichter traf ein. Uschi Glas gab Autogramme. Bussi. Bussi. Und alles ist wahr. Wahrheit ist lustig. Wahrheit tut weh. Bei Kodritsch trifft beides (zu).

Nein, die Poncho Brothers waren keine Nonsens-Produzenten. Ich bitte Sie! Ist die Ernennung von Friedensreich Hundertwasser zum Künstler etwa Nonsens? Oder ist nicht vielmehr Nonsens, wie verhundertwassert Stadt und Land bereits sind, und wie die politische Debatte über Kunst geführt wurde (und wird)? Nein, Kodritsch ist keiner, der sich im kleinlichen tagespolitischen Diskurs aufhält. Ihm geht es, filmisch wie malerisch wie zeichnerisch um so etwas wie „ums Prinzip”: Ums Prinzip Kunst. Ums Prinzip Gesellschaft. Ums Prinzip Film. Ums Prinzip Kritik. Und ums Prinzip Comic. Er macht bewegende und bewegte Bilder. Wenn in einem Filmkapitel zum Thema „Leben mit Kunst” eine Putzfrau im Museum den Boden wischt und ihr plötzlich ein Bild schelmisch von der Wand zublinzelt, so dokumentiert nicht zuletzt dieses kleine Detail seine Liebe zu Comics (abgesehen davon, dass die Texte, Aktionen, Handlungen seiner ganz real existierenden DarstellerInnen durchaus Comic-Charakter haben) Das taucht übrigens immer wieder auf in den Filmen: kleine Zeichentricksequenzen, Fingerübungen eines Zeichners, der seine Umwelt mit treff-sicheren Strichen karikiert, verzerrt bis zum erschreckenden Erkennen. Nein, auf der Peinlichkeitsskala nach R. K. gibt es nach oben und unten keine Grenzen.

Verblüffend ist, neben vielem anderen, die formale (und inhaltlichte) Vielfältigkeit des Kodritsch-Film-Werks, Tiefsinn, Unsinn, Comics, Zeichentrick, Spielhandlungen. Einige Themen tauchen immer wieder auf. Dürers Hase beispielsweise, im Kunstberufdarstellungsfilm (Teil 3 des Kunstalmanachs bis Zetmalnachs) werkt jemand (Dürer selbst? sieht aber nicht aus wie Dürer selbst) an seinem weltberühmten Hasen so lange herum, bis daraus unter anderem ein flottes Skihaserl wird. Später wird Dürers Hase bzw. der Hintergrund bzw. der nicht vorhandene Hintergrund bekanntlich im SAMMLER-Video eine nicht unwesentliche Rolle spielen, thematisiert– auch das muss einmal gesagt werden– von einem großartigen Cristo Melingo als Sammler Leo; einer hinreißenden Sonja Watzka als Puschl, Leos herrlich ehrliche Frau; und die Kulturjournalistin Michaela Knapp gibt eine extracoole, investigative, verblüffte und verblüffende Interviewpartnerin.

Verkürzt gesagt: in Poncho-Zeiten waren wunderbare Amateure am Werk, später nicht minder wunderbare darstellerische Profis. (Kodritsch ist beides.)

Und dazwischen? Blöd(el)sinn. „Waschen auch? – Das ist eine gute Idee, da werden sich meine Haare freuen!” Der Film „Tarzans Söhne” entstand im Jahr 2000 im Rahmen von SoHo in Ottakring, eine comicale Gemeinschaftsarbeit von Ronald Kodritsch und Andreas Leikauf. Das ist nun wirklich Nonsens in seiner pursten Form, Unsinn, Lust an der Hetz, lebende Puppen, Plastikköpfe auf Menschenkörpern, die die DarstellerInnen mit einer Hand halten müssen, Handlung: Korak und Karok erkennen dadurch, dass jeder einen Teil eines alten Amuletts besitzt, dass sie Tarzans Söhne sind. Schließlich entbrennt das Eifersuchtsdrama (Showdown), ein Zweikampf um die Friseurin Babsi. Am Ende schneidet einer dem andern den Kopf ab.

„Are we on Air?”; fragt der Ami-Superstar Ronald Kodritsch die Reporterin (Sonja Watzka) in dem Film „New Ways in Art II”. Das schwierigste ist der erste Satz. Im Tennis. Auf Papier. Im Film. Und wieder, wieder einmal, immer wieder gelingt Ronald Kodritsch eine brillante Persiflage auf TV-Talkshows, auf Kunstsprech, auf Expertenlatein, auf Künstlerklischees, auf Pseudo-Ernst und -Mache. Ehrlich, man fragt sich, wie fallen dem Mann solche Plattitüden ein? Und dann, später, zufällig in eine Talkshow gezappt, weiß man: der Mann spricht fernsehwahr. Filmadäquat. Talkgemäß. Szenenaffin. Und über seine Kunst redet er nebenbei auch, über „Sportwagen, Arschficken und Berühmtwerden” (so hieß die „Emerging Artists”-Ausstellung in der Sammlung Essl). Aber wo endet der Witz? Und wo fängt er an?

„Herr Seipel. Sie haben es uns sehr leicht gemacht, die Saliera zu stehlen….Wir sind die Patrioten”. Und das wiederum sind Jan (Ronald Kodritsch) und Justin (Herwig Kopp). Zwei Videoten mit Motorradhelm und Tonbandgerät, dunklen Stimmen und klaren Sätzen. Der Diebstahl der Saliera fasziniert Ronald Kodritsch, der mediale Hype, die hysterische Öffentlichkeit, die fragwürdige Rolle der Museumswärter, die seltsamen Reaktionen des Museumsdirektors, komprimiert auf zwei Videos -„SAMMLER-Saliera II” und „Die Patrioten”. Letzteres ein lupenreines (übrigens auch wieder: nach Dogma-Regeln gedrehtes) Erpresservideo. Treffsicher, messerscharf, ironisch und vermutlich knapper als man denkt an der Wahrheit vorbeigeschrammt: „Am Freitag, dem 25. Juli, deponieren Sie 25 Mio. Euro, das ist genau die Hälfte der Versicherungssumme – wie Sie wissen und wie wir auch wissen.” Die ORF-Kulturredaktion wollte das Video nicht zeigen, ATV plus, angeblich der Sender ohne Stiftungsratschere im Kopf, auch nicht. Warum? Könnte wer glauben, das sei echt? Und warum wohl könnte man das glauben? Und warum hat Österreich zwar eine Spaß- aber keine Humorkultur? Fragen über Fragen.

„Twist and shout”: Aus vollem Halse singen das der Kodritsch und Roland Cresnar, Jahr für Jahr (wie die Zeit vergeht, sieht man nicht zuletzt am Haar und seiner Länge). Spaß am Leben, am Singen, Rauchen, Trinken, Spielen, Blödeln. Am Konzept. Hauptsache die Videokamera ist eingeschaltet, ganz dogmatisch, d.h. ohne Schnitt, hörbar nicht nachsynchronisiert, das Setting denkbar simpel: ein Sofa, ein Tischchen für Text und Noten, zwei Gitarren, zwei Männer. Basics I bis V; Während Ronald Kodritsch und sein Künstlerfreund Roland Cresnar eine Rotweinflasche leeren, klampfen sie auf der Gitarre einmal pro Jahr, immer am 2. November (bis einer der beiden stirbt), die immer gleichen Lieder in immer der gleichen Reihenfolge, Leonard Cohen, Bob Dylan, Cat Stevens, die Sinne alkoholisch umwölkt, die Laune zunehmend heiter, just remember, that death is not the end”, zwischendurch ganz realistisch „na, jetzt sollt ma’s eigentlich können”, absolut synchron die Griffe auf der Gitarre „falling in love with you”. Echte Basics. Ich liebe Basics.

Andrea Schurian