2 Oct 2015
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Sonja Watzka
LSD in Monte Carlo

Zwei Künstlerfreunde entdecken ihre gemeinsame Leidenschaft für Helmut Berger
und können ihn für ein Filmprojekt gewinnen. 3 Tage vor Drehbeginn beendet der
Hauptdarsteller in spe telefonisch die Zusammenarbeit. Als Resultat dieses
Scheiterns entstehen 40 Collagen und ein Hörspiel über einen Sommer mit Helmut
Berger.
Okay, und dann brauche ich. Erstens, Gage inklusive money extense. Zweitens, drei
Anzüge, Hemden maßgeschneidert, neue Socken. Drittens, Bonelli müsst ihr in Italien
informieren, dass ihr mit mir einen Film macht, mit der müsst ihr auch den Vertrag machen.
Viertens, Unterbringung im Sacher, inklusive täglichem Transport zum Drehort. Wer holt
mich von Salzburg ab? Wahrscheinlich glaubt ihr, ich fahr mit dem Zug, oder was? Und
wenn ich da im Film malen muss, dann braucht ihr auch nicht glauben, dass ihr dann meine
Bilder verkaufen könnt. Okay, könnt ihr schon, aber dann machma halbe- halbe. Und wann
schickts ihr mir endlich ein vernünftiges Drehbuch?
Es war heiß an diesem Juni-Tag 2006, und die Fußball-WM im Fernsehen ausnehmend
spannend. Jack Bauer und Ronald Kodritsch warteten also vergeblich auf das Finale ihrer
wochenlangen Bemühungen: ein persönliches Treffen mit Helmut Berger im Salzburger
„Stadtkrug“. Zur Sperrstunde gegen 4 Uhr früh mussten sie letztlich einsehen, dass der 19-
Uhr-Termin wohl nicht mehr stattfinden würde. Der Meister war lieber zuhause vor dem TVGerät
geblieben. So gesehen verlief alles nach Plan. Denn natürlich waren die beiden vor
den unergründlichen Launen des Schauspielers gewarnt worden. Hier Erzählungen von
spontan abgesagten Verabredungen, dort Berichte von gescheiterten Projekten. Die Lust mit
Helmut Berger einen Film zu drehen war dennoch stärker. Und die Story von „Die Hölle ist
ausgebucht“ doch einfach gut!
Ronald Kodritsch ist Maler mit Kurzfilmerfahrung, Jack Bauer Zeichner und Objektkünstler
mit –nicht zuletzt als Sohn des Dramatikers Wolfgang Bauer – Hang zum Schreiben. Die
beiden sind sich künstlerisch erstmals 1990 auf der Meisterschule für Malerei in Graz
begegnet, und haben einige Male gemeinsam ausgestellt. Irgendwann sprechen sie über
Filme, und ihre Begeisterung für Viscontis „Ludwig II“ aus dem Jahr 1972, mit einem
genialen Helmut Berger als exzentrischer König. Sie entdecken Gemeinsamkeiten zwischen
Berger und dem deutschen Maler und Installationskünstler Martin Kippenberger (1953-
1997). Bauer kennt den „Jungen Wilden“ gut, er hat mehrfach mit ihm zusammengearbeitet:
„Kippenberger hatte damals bald 10-jährigen Todestag, wir haben mit der Idee gespielt ihn
wieder auferstehen zu lassen, in Form von Helmut Berger. Die beiden hatten ja eine
ähnliche Exzentrik in ihrem Leben, es gibt auch physiognomische Parallelen. Wir dachten
also an eine Reinkarnationsepisode“. Aus ein paar bekritzelten Schmierzetteln im Café
Engländer in Wien, entstand schon nach einigen Tagen ein Drehbuchentwurf.
Und das war der leichtere Teil der Übung gewesen. Denn was danach folgte, lässt sich wohl
nur mit einem wirklich eisernen Willen durchstehen. Gepaart mit der nötigen Naivität zweier
junger Menschen, die noch nie in ihrem Leben mit einem –wenn schon nicht sehr aktiven,
aber immerhin geschichtsträchtigen -Filmstar zu tun hatten. Es kostete sie mehrere Wochen
um an Telefonnummern aus Bergers Umfeld zu kommen. Weitere Wochen um an die
Nummer seiner persönlichen Assistentin zu kommen. Und noch einige Wochen bis diese
bereit war, die (Festnetz-) Nummer ihres Schützlings herauszurücken. „Wir haben dann
unzählige Male in Salzburg angerufen. Wenn man auf dem Anrufbeantworter (dreisprachig,
und von Helmut Berger selbst besprochen) eine Nachricht hinterlässt, wird man natürlich
nicht zurück gerufen“, erzählt Ronald Kodritsch. „Manchmal hat seine 90-jährige Mutter
abgehoben, und behauptet dass ihr Sohn gerade bei einer Produktionsfirma in München ist,
obwohl man ihn im Hintergrund reden gehört hat. Irgendwann hat es dann doch geklappt, zu
einem Termin zu kommen“.
Die Fenster des Salzburger Stadtkrugs sind tiefer gelegt. Ideal für einen der gerne den
großen Auftritt sucht. Helmut Berger stieg – mit dunkler Sonnenbrille, und einem
Plastiksackerl einer Parfumerie in der Hand – durch das Fenster ins Lokal. Gekommen war
er mit einer selbstverständlich schwarzen Limousine. 24 Stunden zu spät, am nächsten Tag
um 19 Uhr. Die Diva hatte sich endlich herab gelassen.
Hallo, seids ihr schon da?! Weißt du, ich war am Nachmittag beim Friseur, ich geh da
manchmal auch nur hin wenn ich keine Lust habe, mir die Haare zu waschen, verstehst du.
Und dann war ich beim Bleaching, tatata. Ja, dann setz ma uns mal, was? Hugo,
Bi-ier! Also ihr wollts einen Film mit mir machen? Was soll ich da spielen, gibt’s überhaupt
ein Drehbuch? I beg your pardon? Na klar, da klär ich euch mal kurz über die Spielregeln
auf: Erster Tag Anreise, krieg ich voll bezahlt, zweiter Tag, Ankommen, ich muss ja mal die
Koffer auspacken. Krieg ich voll bezahlt, ich bin ja standby. Dritter Tag ist dann erster
Drehtag, vierter Tag zweiter Drehtag, fünfter Tag ist Pause. Krieg ich auch bezahlt. Ok, dann
ist da noch money extense 500 am Tag. Wie viele Tage sinds? Oh oh. –Is ihnen zu teuer!
Ronald Kodritsch erinnert sich: „In dem Moment als er gekommen ist haben wir gewusst
dass er uns gut gesinnt ist. Und dann kam dieses ganze Abchecken. Wer seid ihr, was wollt
ihr, was macht ihr. Da haben wir gesagt, wir haben ein Konzept für ein Drehbuch
geschrieben. Dann hat er gefragt wer macht Regie, wir haben gesagt, das machen auch wir.
Dann hat er gefragt wer produziert das, wir sagen, auch wir. Und es gibt noch was, wir
werden auch noch mitspielen! Da hat er gesagt, Aha, das ist natürlich schon sehr viel.“ Jack
Bauer: „Wir sind relativ unvorbereitet auf ihn zugegangen. Beide waren wir fasziniert von
ihm, aber was uns wirklich erwartet, haben wir natürlich nicht gewusst. Es war eine
Offenbarung, kann man nur sagen“.
Besonders zu kämpfen hatten die beiden Künstler mit den Gagenvorstellungen des
Schauspielers. „Anfangs wollte er 10.000 Euro pro Drehtag“, erzählt Kodritsch, „ er hat halt
gepokert. Er fängt eben ganz oben an. Er hat dann aber schnell gemerkt wer wir sind, und
dass da kein großes Geld zu holen ist. Dass wir halt zwei junge Künstler sind, die mit ihm
einen Kunstfilm machen wollen. Aber wir haben uns ja im Endeffekt geeinigt, und er hat den
Vorvertrag unterschrieben“.
Die Story dieses Künstlers der aus der Unterwelt heraufkommt um sein Werk zu vollenden,
hatte offenbar Bergers Interesse geweckt. Er habe bislang weder in einem Kurzfilm
mitgespielt (der Film hätte 40 Minuten dauern sollen), noch einen Künstler dargestellt,
erklärte er seinen beiden neuen Freunden. Er beschrieb sie übrigens als „der Iranier mit der
dicken Lippe, der andere klein und zart, hübsche Jungs“. „Wir haben dann lange über Kunst
und Filme geredet“, erzählt Jack Bauer, „zum Beispiel über die Klimt-Verfilmung mit John
Malcovich. Ich glaube er fühlt sich heute eher in Künstlerkreisen zuhause als in der
Schauspieler-Lobby. Das war für ihn vielleicht nur in den 1970-er und 80-er Jahren
interessant“.
Ich soll einen Künstler spielen der auch Installationen macht. Ja muss ich da den ganzen
Film in einer blauen Montur herumlaufen, mit einem Schraubenzieher in der Hand, werde ich
verrückt, oder erschieß ich mich? Ich sags jedenfalls gleich, ich will nicht dass der
Brandauer mitspielt. Dann könnts den Film allein machen, is mir scheissegal!
Helmut Berger ist Stammgast im Hotelrestaurant Stadtkrug. Hin und wieder isst er die
dortige Spezialität, ein schottisches Hochlandrind. Oder tratscht mit Hugo Lucian, dem
Besitzer. Er lebt schon seit einigen Jahren in einer kleinen Wohnung in Salzburg,
gemeinsam mit seiner mittlerweile pflegebedürftigen Mutter. Über seine finanzielle Situation
kann nur spekuliert werden, es ist aber anzunehmen dass vom einstigen Leben in Saus und
Braus nicht mehr viel über ist. Filmangebote kommen nur mehr spärlich, hin und wieder
taucht er in deutschen Talkshows auf. Hier wird er als schräger Gast geschätzt, zum
Beispiel von Harald Schmidt. Ihr Gespräch aus dem Jahr 1996 ist Kult und nach wie vor ein
Renner auf der Internetplattform youtube. Zeitungsinterviews gibt es nur gegen Bezahlung
und äußerst selten.
Selbstverständlich, dass der Schauspieler an jenem Juni-Abend nicht für seine Zeche
aufkommen musste. Ronald Kodritsch: „Anfangs hat er nur Bier getrunken, dann ist es
Schnaps geworden. Wir haben auch ein paar Gänge gegessen. Er hat sehr viel bestellt!
Und alles was zu viel war, hat er dann auf unsere Teller geworfen. Ein Stück Fleisch zu mir,
eine Palatschinke zu Ronald. Er war sehr ausgelassen und hervorragend gelaunt“. Was sich
auch anderweitig bemerkbar machte. Denn Berger stopfte ein „Souvenir“ nach dem anderen
in seinen Plastiksack. Gläser aus dem Lokal, kleine Vasen, Bierdeckel, Besteck. „Wir waren
danach noch im Goldenen Hirschen“, schmunzelt Jack Bauer, „dort mussten wir sogar den
Fernseher aufheben damit er die Tischdecke darunter mitnehmen konnte“. Später
veranlasste der ehemalige Weltstar mit offenkundigem Hang zur Kleptomanie, dass seine
Begleiter in beiden Lokalen ein großzügiges Trinkgeld hinterließen. Bauer: „Ich habe zuerst
30 Euro auf den Tisch gelegt, da hat er gesagt, das ist zu wenig, da musst du schon noch
was drauflegen. Weil er halt seine Einkäufe gemacht hat. Ich bin mir sicher die kennen ihn
alle und wissen das.“
Der eigentliche Anlass dieses Zusammentreffens war immer mehr in Vergessenheit geraten.
Helmut Berger glänzte am Salzburger Parkett, und erzählte lustige Anekdoten aus der
Branche. Von seiner Freundschaft zu Mick Jagger, von einem Dreh mit Al Pacino der dem
notorisch vergesslichen Berger mit Kaugummi einen Spickzettel mit seinem Text aufs Hirn
geklebt hatte. Erzählungen von seinen Wohnsitzen in Italien oder von seinen Drehs in
Amerika. Ständig war man auf einer Yacht gewesen, ständig hatte man Champagner
getrunken.
Kennst du die Geschichte, ich hätte ja bei „Jenseits von Afrika“ mitspielen sollen, und statt
Redford hätte Robert de Niro spielen sollen. Aber De Niro hat dann abgesagt. Jetzt stell dir
das mal vor: ich blond, Redford blond, Meryl Streep: blond. Der Film kann ja nicht heißen
„Blondes in Africa“. – Und dann kam der Brandauer, die fette Sau mit der Glatze. Prrrr. –
Capisci?
Gegen 3 Uhr früh gab es eine kleine Stimmungsschwankung zu beklagen. Berger wollte
unbedingt ein Eis essen. Hugo, der Chef im Stadtkrug, musste im Internet nach
Eisgeschäften mit 24-Stunden-Service Ausschau halten, ein aussichtsloses Unterfangen.
„Wir sind dann mit dem Auto zum Sacher gefahren“, erinnert sich Ronald Kodritsch,
„aber dort hat es auch kein Eis mehr gegeben. Auch in den Goldenen Hirschen ist er hinein
spaziert, und wieder mit enttäuschtem Gesicht heraus gekommen. Wir dachten, jetzt
explodiert er gleich. Er redet seit zwei Stunden von dem Eis. Aber da ist dann wieder seine
eher kindliche, herzige Seite zum Vorschein gekommen. Er hat einfach gesagt, na gut, dann
trinken wir eben noch ein Bier“. Gegen 5 Uhr startete er dann einen Versuch „die dicke
Lippe“ und den „Kleinen, Zarten“ zu küssen. Man hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren.
Danach stieg er in ein Taxi und fuhr nach Hause. Die Arbeit konnte beginnen.
„Die Hölle ist ausgebucht“, ein Kurzfilm mit Helmut Berger, war auf Schienen. Mit seiner
Unterschrift auf dem „Letter of intent“ hatte er die Teilnahme an Dreharbeiten im September
zugesagt. Blieben noch knappe drei Monate um sich um die Vorbereitung zu kümmern. Das
Drehbuch musste ausformuliert, die Drehorte in Niederösterreich besichtigt werden. Bauer
und Kodritsch stellten ein Team zusammen, casteten weitere Darsteller, kümmerten sich um
Ausstattung und Kostüme. Und nicht zuletzt ums Geld. „Wir hatten zwar einige
Finanzierungszusagen“, erzählt Ronald Kodritsch, „vor allem vom Land Niederösterreich.
Trotzdem war es für uns als Künstler fast unmöglich das nötige Budget aufzustellen. Das
Projekt wäre sehr teuer geworden. So hatten wir die Idee, mit Kunst zu bezahlen und
gestalteten 40 Collagen aus Fotos die ich von Helmut Berger in Salzburg geschossen habe.“
Und bei diesem Dreh da in Niederösterreich, wen soll ich da ficken?
Tagsüber wurde also organisiert und produziert, in der Nacht schwadroniert. Berger rief
immer wieder bei Bauer und Kodritsch an, und berichtete von weiteren Friseurbesuchen
oder von seinen Telefonaten mit Mick Jagger. Meist zwischen Mitternacht und 2 Uhr früh.
„Es war ein ständiges Ping-Pong-Spiel, wo es darum gegangen ist, wie bist du jetzt drauf,
was kann man mit dir machen“, sagt Jack Bauer. „Er hat uns abgecheckt, wir haben ihn
abgecheckt. Berger hat dem Drehbuch nicht ganz vertraut. Dann hat er es wieder ganz toll
gefunden einen Künstler zu spielen. Wir haben ihm einen Katalog von Kippenberger
geschickt, von dem war er total begeistert. Wir waren jedenfalls bei keinem Anruf sicher ob
er auf unserer Welle bleiben wird. Man spürt bei ihm immer die Labilität einer großen Diva,
die nie weiß ob sie Ja oder Nein sagen soll.“
Die Telefonate waren trotzdem vielversprechend, Berger jedesmal gut gelaunt. „Wir haben
auch über seine Spezialwünsche gesprochen“, so Bauer, „er will ja dass alles da ist.
Champagner, spezielle Würste, Sushi. Wir haben gesagt er kriegt alles. Sogar einen 24-
jährigen Set-Fotografen haben wir engagiert der gemeint hat er würde für Berger alles tun.
Wobei man sagen muss, das ist halt alles ein Spiel, diese Allüren, er spielt das mehr als
dass er das durchlebt.“ Berger erzählte ihnen, dass er sich schon auf die Rolle vorbereitet
habe. Sehr versöhnlich bot er sogar an, mit dem Zug zum Drehort anzureisen. Er schien
sich mit dem geringen Produktionsbudget arrangiert zu haben.
Brauchts nicht zur Bonelli nach Rom und das mit ihr ausmachen, okay, mach ma selbst.
Eistee kömma übrigens auch selbst machen, mit diesem da, Earl Of Grey Tea, den kochst
du ganz normal auf, lässt ihn abkühlen und dann drückst du Zitronen rein, oder Orangen. –
Ich kann aber nicht jeden Tag für euch und das ganze Team da kochen! Du weißt ja, ich
koche sehr gut italienisch. Spaghetti Vongole is meine Spezialität.
Und dann kam das Aus. Drei Tage vor dem geplanten Drehbeginn erhielt Jack Bauer einen
Anruf aus Salzburg. „Er hat gesagt, ihr brauchts mich nicht mehr anrufen. Wieso? Nee, kein
Interesse mehr. Er hat sehr launig dahergeredet. Wir wissen bis heute nicht, was ihm nicht
gepasst hat. Aber einige Zweifel hat er schon immer geäußert, er wollte nicht woanders
wohnen, oder nicht auf einen Tisch steigen wie im Drehbuch vorgesehen.“ Vielleicht lag das
Problem auch an seiner persönlicher Assistentin. Die hatte im Lauf der Verhandlungen die
gleiche Gage wie Berger gefordert. Die beiden Neo-Produzenten wollten und konnten dem
nicht zustimmen. Bauer: „Das könnte schon ein Thema gewesen sein. Ohne Assistentin
geht bei ihm gar nichts, im Prinzip braucht er eine 24-Stunden-Betreuung. Aber das
erfordert einfach ein anderes Produktionsbudget. Visconti hat ihn damals ja auch persönlich
betreut, und Szenen mit ihm 30, 40 Mal gedreht.“
Das Projekt war also gestorben, Kippenberger würde nicht mehr auferstehen. „Anfangs war
das natürlich ein Schock“, erklärt Ronald Kodritsch, „wir haben im ersten Frust dann ein paar
Collagen verkauft, und sind mit dem Erlös nach Asien auf Urlaub gefahren. Aber wenigstens
hatten wir keinen finanziellen Schaden. Der Zeitaufwand war halt ein Wahnsinn. Wir haben
ja 3 Monate nur für das Projekt gelebt.“ Die Faszination für Berger ist dennoch geblieben.
Jack Bauer: „Ich glaube er ist ein sehr stolzer, hochintelligenter Mensch, der für sein Alter
total auf Zack ist. Und gerade in der Phase wo wir den Film machen wollten, hat er sehr gut
ausgesehen, also ein sehr hohes Charisma gehabt. Die Gesichtszüge waren geschärft, fast
wie in den 1970-er Jahren, aber eben zusätzlich mit der Würde des Alters. Er hat sich
fröhlich, schräg und unbeschwert gegeben, wie kaum ein Künstler heutzutage. Die
Begegnung mit ihm war schon sehr inspirativ.“ Weniger Verständnis haben die beiden mit
der Art und Weise wie Helmut Berger heute in den Medien dargestellt wird. Ronald
Kodritsch: „Die Journalisten schreiben immer, dass er so ein gescheiterter Künstler ist. Er ist
halt nicht mehr der große internationale Star. Aber ich würde seine Situation eher als normal
bezeichnen. Wer sagt, dass eine Karriere immer steil nach oben gehen muss? Die ist eh
steil nach oben gegangen. Aber das geht doch nicht dass das ewig so weiter geht. Ich weiß
nicht ob er sich in Salzburg so wohl fühlt, er ist halt in sein privates Gefüge zurück gekehrt.
Und wenn die Auftragslage nicht stimmt, so hat das überhaupt nichts mit seiner Würde zu
tun.“ „Ein Kinski ist ein Kinski, ein Berger ist ein Berger“, so Jack Bauer. „In den 1970-ern hat
es nur Klaus Kinski und Helmut Berger gegeben, Berger lebt halt jetzt noch. Man darf ihn
nicht nur als Schauspieler sehen, er ist als Person einfach ein Gesamtkunstwerk. Und er ist
immer noch hochaktiviert und hochinteressiert, in einer angenehmen Art und Weise. Und
natürlich arbeitet er an seinem Kult. Er hat ja was zu verlieren. Er könnte ja in Interviews
auch einmal ganz normal über den Film sprechen, den er gerade dreht. Werbung dafür
machen, so wie es halt in der Medienwelt üblich ist. Aber er tut es nicht. Er will schon auch
provozieren. Und er ist ein Spieler. Mit uns hat er zum Beispiel ständig Bockschauen
gespielt. Er ist ein Meister im Bockschauen!“
Doch Kippenberger wollte nicht ruhen. Zwei Jahre später setzten sich Kodritsch und Bauer
zusammen, um wieder über das Projekt zu sprechen. „Als Künstler willst du einfach ein
Ergebnis deiner Arbeit in der Hand halten.“, erklärt Ronald Kodritsch. „Auch wenn es nur die
Dokumentation eines Scheiterns ist. Wir hatten zwar die Collagen, aber die Begegnung mit
Berger, und auch die Story des Drehbuches haben uns einfach nicht losgelassen.“ Da
hatten die beiden die Idee, den Inhalt des Drehbuchs mit der realen Begegnung mit Helmut
Berger zu vermischen. Sie schrieben ein Hörspiel, und bezeichneten es als
„Drehbuchcollage“. Kodritsch, ein leidenschaftlicher Stimmenimitator, sollte Berger
sprechen: „Das was da rausgekommen ist, ist eine Textcollage. Wir haben Teile des
Drehbuches herausgenommen und mit der Stimme von Helmut Berger vermischt. Es ist
teilweise so als würde er das Drehbuch lesen und gewisse Einwände haben. Deshalb
Drehbuchcollage. Das ganze heißt Die Hölle ist ausgebucht, und ist das Resultat eines
gescheiterten Films.“
(Hotelzimmer, am frühen Morgen)
Berger hat die Nacht durchgemacht und ist angetrunken.
Er steht vor einer Leinwand, die er an der Zimmerwand
befestigt hat. Er trägt ein farbbeschmiertes Hemd und eine
lange Hose. Im Zimmer herrscht Chaos.
Im Hintergrund liegt die Muse nackt auf dem Bett und
lächelt. Schnapsflasche und Zigaretten am Tisch. Die Sonne
blinzelt durchs Fenster, es ist still. Man hört nur die
Pinselstriche Bergers auf der Leinwand. Er hat einen mit
Farbe triefenden Pinsel in der Hand. Nun ist er im Leben
angekommen und fühlt sich wohl in seiner Rolle. Er ist
selbstsicher und leicht arrogant.
Berger fährt mit dem Pinsel im Malbecher herum
BERGER
Das Bild soll jedenfalls heißen LSD in Monte Carlo.
Hab ich dir übrigens die Geschichte schon erzählt?
MUSE
Welche Geschichte? Du hast mir schon viele
Geschichten erzählt und immer wieder höre ich dir
gerne zu. Geht’s um den Film „Die Hölle ist ausgebucht?“
BERGER
Na gut, dann erzähl ich sie. Ruhe, es geht los.
(Die Muse räkelt sich im Bett)
Also ich fahr da mit ‘nem schwarzen Taxi vor, Hotel
Stadtkrug bitte, steig aus und steig wie immer durchs
Fenster ins Hotel. Weißt du, ich war am Nachmittag
beim Friseur, ich geh da manchmal auch nur hin,
wenn ich keine Lust habe, mir die Haare zu waschen,
verstehst du, und beim Bleaching, tatata. Und da
stehen dann die zwei Typen an der Bar, Hallo? Der
eine, der Iranier mit der dicken Lippe und der andere
klein und zart, hübsche Jungs. Ja dann setz ma uns
mal, was. Hugo, Bi-er!
Diese Drehbuchcollage dauert 24 Minuten, und existiert bereits auf CD. Am 3. Mai wurde sie
im Projektraum Viktor Bucher in Wien der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Scheitern lässt sich
jetzt also wenigstens in die Hand nehmen und anhören. Jack Bauer über den Inhalt: „Es ist
eigentlich eine sehr einfache Sache. Es ist nichts anderes als eine Wandlung auf
verschiedenen Ebenen. Ein Künstler wird von den Toten auferweckt, und durch ein zweites
Leben geführt. Und dieses Thema wird mit dem Schauspieler Helmut Berger der diesen
Künstler darstellen hätte sollen, vermischt. Es kommt zu einer Mixtur die aber eine ganz
klare Linie hat zwischen Realität, Unterwelt und dem zweiten Leben. Und alle drei Ebenen
spiegeln sich bis zum Schluss. Das Hörspiel ist schlicht die Essenz einer Odyssee.“ Mit dem
Ergebnis sind die beiden Künstler zufrieden, sagen sie: „Das Endprodukt ist eigentlich eine
viel größere und bessere Auflösung des gesamten Projektes, viel stimmiger als der Film je
hätte sein können. Abgesehen davon haben wir auch sonst einiges aus dieser Begegnung
mitgenommen. Unter anderem auch die Tatsache, dass wir gelernt haben wie man in 3
Monaten einen Film auf die Beine stellt. Wie man eine Produktion macht, Darsteller
engagiert, mit einem Team zusammen arbeitet, und nicht zuletzt wie man einen Star
umwirbt. Das sehen wir schon als großen Vorteil.“
Ein besonders gelungenes Endprodukt dieser Odyssee ist „LSD in Monte Carlo“, eine
Gemeinschaftsarbeit von Kodritsch und Bauer. Ein 1,80 x 1,60 Meter großes Gemälde das
auch als Cover für das Hörspiel dient. Es basiert auf einer Anekdote aus Bergers Leben, die
er schon oft erzählt hat, nicht aber den beiden Künstlern. Kodritsch: „Angeblich ist da
irgendwas mit Ringo Starr von den Beatles in Monte Carlo gewesen. Wir wissen es eben
nicht. Wir haben von dieser Anekdote gehört, es wurde uns auch prophezeit dass Berger sie
erzählen würde. Hat er aber nicht. Das ist dann irgendwie zu einem Urmysterium für uns
geworden was da eigentlich in Monte Carlo passiert ist. Das ist auch ins Hörspiel mit
eingeflossen. Und war eben Inspiration für das Gemeinschaftsbild. Berger hat uns die
Geschichte nie erzählt, wir haben uns gedacht, das ist etwas wo wir mit einer Malerei
anknüpfen können. Denn alles was nicht erzählt wird, kann man in Malerei umsetzen.“
Was nicht erzählt wird, kann man in Malerei umsetzen. Was nicht gedreht wird, in ein
Hörspiel verwandeln. Was scheitert, kann zumindest erzählt werden. Martin Kippenberger
wäre sicher stolz auf die beiden gewesen.

Written by  Chris