Günther Oberhollenzer – Der Satz ist im Bild

Günther Oberhollenzer – Der Satz ist im Bild

17 May 2016

Ronald Kodritsch “Der Satz ist im Bild”

Eröffnungsrede, Brunnhofer Galerie Linz, 10. Mai 2016

Günther Oberhollenzer

 

„Am besten ist, man überrascht sich mit einer neuen Arbeit selbst“, hat Ronald Kodritsch mir einmal erzählt, und ich glaube, dieser Satz kann als Leitmotiv seines künstlerischen Schaffens gelten. Der Künstler ist immer auf der Suche, er möchte nicht ständig das Gleiche machen, sondern Neues ausprobieren, durchaus auch mit gängigen Sehgewohnheiten brechen, Stile und Techniken hinterfragen und neue Zusammenhänge herstellen. Er ist getrieben von Neugierde und Ungeduld, von der Lust am Malen und am künstlerischen Experiment jenseits der Konventionen.

 

Dabei ist Kodritsch ein Beobachter und Sammler von Alltäglichem, Banalem, manchmal auch Skurrilen, das er aufgreift und in ganz persönliche Bildgeschichten transformiert. Er kennt die Kunstgeschichte und ihre Traditionen und lotet gekonnt die Möglichkeiten der Malerei in der heutigen Zeit aus, indem er bewusst die Grenzen zwischen der sogenannten Hochkultur und der Populärkultur verschwimmen lässt. Der Künstler erschafft Bildwelten, die heiter und mit einem Augenzwickern gemalt sind, manchmal aber auch melancholisch und böse erscheinen. Alles ist für Kodritsch bildwürdig, alles ist für ihn und seine Kunst interessiert: Ein Traktor, der einer Kinderzeichnung entsprungen scheint, eine seltsame, hockende nackte Frau neben einem Pferd, ein Billa Sackerl, getragen von einem fluoreszierenden Skelett. Einfache Formen und „billige“ Materialen charakterisieren auch die Skulptur: Handschuhe, Styropor, eine Weinflasche oder ein Trichter. Popkulturelle Zitate mischen sich mit Kitsch und kunstgeschichtlichen Referenzen. Der Künstler malt sich „Selbst als Büste“ mit grünen Kopf und wurstartigen violetten Brüsten als Kopfbedeckung, er erfindet sonderbare Wesen, gespensterhaft unter weißen Tüchern verborgen, oder lässt im Mondlicht schemenhaft die zarten Umrisse einer Frau erscheinen. Skurril, surreal, rätselhaft.

 

Auch das titelgebende, kraftvoll gemalte Bild ist mehr als geheimnisvoll. Kodritsch schreibt in großen Lettern „DER SATZ IST IM BILD“ in die obere linke Hälfte der Malerei, bei der man nicht ganz weiß: ist sie nun abstrakt oder gibt es doch gegenständliche Anklänge? Die Schrift ist wie eine zweite Ebene auf malerischen Untergrund, wodurch das Bild natürlich eine ganz andere Aufladung, ein anderes Aussehen erhält. Kodritsch verwendet die Schrift als abstraktes Zeichen aber auch als Inhaltsträger. Es ist überhaupt ein charakteristisches Merkmal der Malerei, Störelemente wie Schrift oder sonderbare Figurationen in ein ursprüngliche abstraktes Bild einzubauen – oder, anders formuliert, sein Bilder zeichnet eine Vermischung von Formen und Zeichen aus, die sowohl abstrakt als auch gegenständlich, banal oder auch inhaltsreich interpretiert werden können. Dabei gibt es ein Figuren- und Motivrepertoire, auf das der Künstler immer wieder zurückgreift, hier etwa das Skelett, die Büste, die sonderbaren geisterhaften Körper und Gestalten. Banales wir bedeutsam gemacht, Bekanntes verfremdet, Liebliches oder Idyllisches gebrochen. Manche Bildelemente erinnern an die Comic- und Jugendkultur, etwa an Graffiti (ich denke z.B. an die Verwendung von Schrift und Sprechblasen) andere spielen hingegen ungeniert mit der Kunsttradition (so konterkarieren z.B. die gemalten Büsten deren althergebrachte Aufgabe der Huldigung und Repräsentation).

 

Das Werk ist dabei immer wieder auch autobiografisch, persönlich Erlebtes findet ebenso Eingang wie bitterböse Stellungnahmen zu unserer Gesellschaft (man denke nur an das Billa Sackerl). Fast wie kleine Gedichte und herrlich unernst sind auch die Titel, wie etwa „Im Schlafgemach des Lachses“. Vieles ist natürlich ironisch zu verstehen und hat auch einen feinen Humor, doch Kodritschs Kunst auf Witz und Ironie zu reduzieren wäre ein großer Fehler. Er sei kein Witzezeichner, sagte der Künstler einmal, „seltsam, eigenartig vielleicht auch verschroben würde eher das treffen“, was er mache. Vor allem aber ist Kodritsch auch ein überzeugter Maler. Ein Maler auch mit großem Können und Wissen um dieses Medium und seiner Möglichkeiten. Er malt intuitiv und spontan, pflegt einen bewusst unakademischen Zugang und hat keine Scheu, auch kindisch und naiv zu wirken.

 

„Für mich besteht die Aufgabe darin, dass ich ein triviales Thema – das man vielleicht gar nicht malen soll oder kann, weil es einfach lächerlich ist – in eine gute Malerei umsetze“, so der Künstler. Dieses Prinzip sei wesentlich schwerer, als wenn er sich an ein hehres Thema nehme und das dann versuche zu bearbeiten. Denn genau dieses Spiel interessiert ihn: eine Verknüpfung von nicht bedeutenden, kunsthistorisch uninteressanten Themen mit spannender außergewöhnlichen Malerei. Für Kodritsch birgt das menschliche Antlitz, das Alltagsobjekt, die gegenständliche oder abstrakte Form eine dankbare Oberfläche, anhand derer er ein variationsreiches Spiel an malerischen Optionen durchexerzieren kann: das reicht von Verzerrungen und Deformationen figurativer Elemente über eine expressive, unmittelbar abstrakte Geste bis zu ruhigen, fast monochromen malerischen Farbfeldern.

 

Vieles geschieht spontan auf der Leinwand, Vorskizzen gibt es keine.„Das meiste“, so Kodritsch, „entsteht aus der abstrakten Malerei, aus ihr entsteht eine Figur, ein gegenständliche Form.“, Gesichtern und Körper, die sich zu einer Erzählung verselbständigen. Wobei die Komposition, das Kolorit und der Farbauftrag ihre ganz eigenständigen Geschichten formen. Der Ausgang der Malerei ist meistens ungewiss.

 

Ich schätze bei Ronald Kodritsch diese unverblümte Freude an der Malerei und Skulptur (für die all das auch gilt), ich schätze das Sprühen an Ideen, das Vermischen von Abstraktem und Gegenständlichem, ich schätze das Spontane und doch Geplante, das Ironische und das Sinnliche, das Experimentieren mit Materialität und Form, ich schätze das Sich-treiben-lassen, die unakademische Bildsprache, ich schätze die leidenschaftliche Lust, stets Neues auszuprobieren.

 

 

 

Roman Grabner – ORBS, Villa Weiß, 2013

Roman Grabner – ORBS, Villa Weiß, 2013

24 Mar 2016

Roman Grabner
Ronald Kodritsch – ORBS, Villa Weiß, 2013

Der Geist als Wille und Vorstellung

Auf eine heiter-ironische tour de pénombre durch unheimliche und okkulte Gefilde begibt sich Ronald Kodritsch mit seinen „geistreichen“ Bildern, die unter dem Ausstellungstitel „orbs“ in der Villa Weiss präsentiert werden. Der Begriff orbs kommt aus dem Lateinischen (orbis: Kreis oder runde Fläche) und bezeichnet mysteriöse weiße Flecken auf fotografischen Aufnahmen, die im Deutschen auch unter der Bezeichnung „Geisterflecken firmieren. Die Wissenschaft spricht von AOIs (anomalous orbic images) und erklärt diese anomalen kugeligen Erscheinungen mit kleinen Partikeln, die beim Auslösen des Blitzes auf dem Bild sichtbar werden. Infolge der durch die Nähe und den Fokus bedingten Unschärfe entstehen jene kreisrunden Lichtbilder, die in esoterischen Kreisen gerne als paranormale Erscheinungen angesehen werden. Für die Freunde einer esoterischen Weltdeutung sind „Orbs“ die verwaisten Seelen von Verstorbenen, die in einer Zwischenwelt umherirren, und sich nur deshalb nicht in der Form von Gespenstern materialisieren, weil die kugelige Form energiesparender für die anstrengenden Reisen durch die Sphären ist.

Ronald Kodritsch vermochte diese mit natürlichem Auge kaum sichtbaren Erscheinungen auf Leinwand zu bannen und präsentiert deren Vielfalt nun in Ligist. Dass er sich diesem Phänomen mit der für ihn charakteristischen Ironie zuwendet, versteht sich angesichts früherer Aufzeichnungen aus dem Geisterreich, die ebenfalls ausgestellt sind, von selbst. Durch die Bearbeitung der Bildoberfläche mit Schleifpapier hat er seinen dunklen Hintergründen jene hellen Manifestationen entrissen, die als Orbs der Ausstellung Thema und Titel geben. Die Abdrücke von Alltagsgegenstände, die auf dem Papier liegen geblieben sind, als er es mit Silberspray besprühte, werden zu strahlenden Emanationen und funkelnden Augen, die aus einem glänzenden Nichts blitzen. In seinem neuen Triptychon „In der Frage liegt ein Fehler“ dringt ein schaurig-sphärisches Licht durch die Dunkelheit eines nächtlichen Waldes und gibt den Blick frei auf schwebende weiße Kugeln, die gleich Pupillen schwarze Punkte in sich tragen. Die Nacht hat bei Kodritsch tausend Augen.

Im Volksglauben sind Geister die unerlösten Seelen Verstorbener, die in einem indifferenten, nicht näher spezifizierten Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits umherstreifen und uns immer wieder heimsuchen. Soziologisch gesehen existiert eine lange Tradition von „unheimlichen“ Erfahrungen und Begegnungen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Gespenstern und Geistern scheint daher fest in kulturellen Deutungsmustern und intersubjektiven Erfahrungen verankert zu sein, und das Geisterreich diente von Anfang an als Quelle der Inspiration für Kunst und Kultur. In umfangreichen Studien und Ausstellungen wurden sogar versucht, die moderne Kunst als Konsequenz und Ergebnis von okkultem Gedankengut und esoterischen Praktiken zu beleuchten.1

Kodritschs immer wieder auftauchende Geister erscheinen wie ein entfernter Kommentar zu diesen dunklen Verwicklungen der Avantgarde, und sind zugleich zynische Antwort auf die immer wiederkehrenden Proklamationen vom „Tod der Malerei“. Die attributiv beigefügten

1 Vgl. hierzu u.a.: Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900-1915. Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Ostfildern 1995. L’Europe des esprits. Ou la fascination de l’occulte, 1750-1950. Ausst.-Kat. Musée d’Art moderne et contemporain de la Ville de Straßbourg. Straßburg 2011.

Farbpaletten weisen die Gespenster als Allegorien der Malerei aus und ihre langen Bärte signalisieren das Lächeln des Kynikers, das Grinsen eines Künstlers, der als Nachgeborener auch dem proklamierten Ende der Kunst von Hegel, Heidegger und Heine ein „HeHeHe“ entgegenschleudern kann.

Das Gespenst geht in seiner englischen und französischen Entsprechung „spectre“ etymologisch auf das lateinischen „spectrum“ zurück, das mit „Bild“, „Vorstellung“ und „Erscheinung“ übersetzt werden kann. Die Gespensterdarstellungen in Kodritschs Werken rekurrieren auf jene Bilder und Vorstellungen, die wir uns vom Übersinnlichen und Jenseitigen machen, und die stärker durch die gegenwärtige Populärkultur und Medienlandschaft als durch Religion und Philosophie geprägt sind. Kodritsch Gespenster verstehen sich in diesem Sinne als Zeitgeister, die den Zeitgeist kommentieren. Es sind freche, unverschämte und politisch unkorrekte Bettlaken, die jene flüchtigen Manifestationen, substanzlosen Hüllen und körperlosen Wiedergänger des Zeitgeschmacks persiflieren, doch sich nicht in ihrer Ironie erschöpfen.

Jacques Derrida liefert mit seiner „Hantologie“ (frz. hanter: heimsuchen) in „Marx‘ Gespenster“ Ansätze zu einer Theorie des Gespenstischen als dem Wiederkehrenden. Er versteht Gespenster als Figuren des Dazwischen, nicht mehr lebend, aber auch noch nicht ganz tot, „weder Substanz, noch Essenz, noch Existenz“.2 Die Heimsuchung von jenen, die „nicht gegenwärtig lebend“ sind, sieht er als Auftrag für eine „Politik des Gedächtnisses, des Erbes und der Generationen“. Auch wenn sich Kodritschs Blick auf die Gegenwart und die Vergangenheit in vordergründig leichtfüßigen und humorvollen Malereien und Plastiken äußern mag, so basieren seine Bildfindungen auf kulturhistorischen Reflexionen, aufmerksamen Beobachtungen und politischem Bewusstsein. In Kodritschs Bildern offenbart sich ein Verständnis von Kunst als einer eigenständigen Wirklichkeit, die nicht der Darstellung oder Abstraktion der Realität bedarf, sondern aus dem spectrum seiner Reflexionen und Überlegungen geistige, existenzielle, kultur- und gesellschaftskritische Inhalte formuliert.

Folgt man Derridas Auffassung, dass die Toten niemals ganz tot sind, stellt sich die Frage, welche Gespenster uns heute heimsuchen, welche Wiedergänger den aktuellen Zeitgeist prägen und welche Erscheinungsformen in der aktuellen Kunst spuken? Kodritschs Orbs mögen uns vielleicht nicht die Antworten liefern, stellen aber genau jene Fragen.

Roman Grabner, 2013

2 Jacques Derrida, Marx‘ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt/Main 2004, S.10-11.

18 Mar 2016
das_warten_kodritsch_2013_web

das_warten_kodritsch_2013_web

Ronald Kodritsch – Urlaub vom Hirn (english)

Ronald Kodritsch – Urlaub vom Hirn (english)

30 Oct 2015

Roman Grabner
Ronald Kodritsch – Time out from the brain

 

Time out from the brain
A person dressed up as a dog with a magenta-coloured wig marches through the streets of Vienna with a board labelled: Urlaub vom Hirn – “Time out from the brain”. Read More

Ronald Kodritsch – Urlaub vom Hirn (deutsch)

Ronald Kodritsch – Urlaub vom Hirn (deutsch)

29 Oct 2015

Roman Grabner

Ronald Kodritsch – Urlaub vom Hirn

Eine als Hund mit magentafärbiger Perücke verkleidete Person marschiert mit einer Tafel durch die Straßen Wiens, auf der die Aufschrift zu lesen ist: „Urlaub vom Hirn“. Read More

Michael Braunsteiner – “Ich bin dunkel, aber schön”

Michael Braunsteiner – “Ich bin dunkel, aber schön”

2 Oct 2015

ICH BIN DUNKEL, ABER SCHÖN

Zu: Ronald Kodritsch, NEUE HAUT FÜR DAS ALTE FEUER (Affenkopfmadonna), 2012/2015

Michael Braunsteiner

Kennen Sie den verrückten Dr. White? Was trieb er dereinst so, angeblich sogar vom Heiligen Vater dazu ermuntert? „In den USA bereitet der Neurochirurg Robert J. White die erste Transplantation eines menschlichen Kopfes vor. Möglicher Termin der Gruseltat: 1977.“

Das ist eine Weile her. Könnte das so in „Der Spiegel“ 44/1976 gestanden haben? Das lässt sich nachprüfen. Das Dr. White sein Vorhaben nicht in die Realität umgesetzt hat, das ist sicher. Sonst wüssten wir’s. Doch lassen Sie mich einfach einmal behaupten: In seiner Pension erregte der Hirnchirurg, der übrigens mit vollem Namen Robert J. White hieß, weiter Aufsehen mit seinen Experimenten zur Transplantation von Köpfen. Er hielt isolierte Affenhirne am Leben. Die Augen baumelten an herausgeschälten Hirnen und reagierten auf Lichtreize. Er versetzte auch einen Affenkopf von einem Körper auf den anderen.

Sie glauben es nicht? Lesen Sie’s nach!

http://www.zeit.de/2001/15/Die_Traeume_des_Dr_White

Wien 2012. Ronald Kodritsch transplantiert erstmals einen Affenschädel auf einen Madonnenkörper. Oder hat er einen Madonnenkörper unter einen Affenschädel transplantiert? Egal. Die Skulptur lebt, wohl nicht zuletzt, weil ihr Schöpfer diese „Affenkopfmadonna“ mit magischen Zu-Worten behaucht hat: „Neue Haut für altes Feuer“!

Sphingen, Sirenen, Satyren, Chimären, Greife, Harpyen, Basilisken und Kentauren, dort ein Pegasus, da ein Einhorn, irgendwo das Nasobem, ein Cyborg, Gozilla auch, sogar Hybrid- Autos – und die Affenkopfmadonna!

Die „Affenkopfmadonna“: Den unteren Teil bildet der Prototyp einer schlanken Lourdes- Muttergottes, wie man ihn aus dem Devotionalienhandel kennt. Die Muttergottes steht auf einem Sockel. Der Totenschädel eines Affen bildet den Kopf. Der schmalschulterige schlanke Körper trägt ein langes Kleid mit harmonisch fallenden Gewandfalten. Die Hände sind vor der Brust zum Gebet gefaltet. Über einen der beiden Unterarme hängt ein langer Rosenkranz. Der Affenschädel ist im Verhältnis zum Corpus der Muttergottes übergroß und ausladend breit mit riesigen Augenhöhlen, tiefer Nasenhöhle und auffallend fliehender Stirn. Der Oberkiefer tritt weit hervor. Der Unterkiefer fehlt.

Die Skulptur existiert bislang in zwei Ausführungen: a) Ausführung 2012 in Form eines ungefassten, kleinen Bronzegusses mit fein hervor gearbeiteten Details, Höhe 25 cm; b) Ausführung 2015 als monumentale Großskulptur, aus Epoxidharz gegossen, mit glänzender schwarzer Oberfläche und deutlich vergröberten Formen, Höhe 260 cm.

Dieser kombinatorische Skulpturentypus fügt sich in den seit dem Altertum in immer neuen Variationen vorkommenden Themenkreis der Mischwesen ein. In der Antike glaubte die Mehrheit der Menschen an die reale Existenz dieser Wesen. Und im Mittelalter glaubte man an alles Benennbare, so an Drachen und Chimären. Das Tierbuch Physiologus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. oder Werke des Phantastischen wie von Solinus aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. waren noch in der Romanik und Gotik populär. Und von der Renaissance bis zur Mitte

des 17. Jahrhunderts wurde heftig über die Groteske, die Vereinigung von scheinbar Unvereinbarem in Form ornamentaler Verzierungen und Mischwesen, gestritten. Dabei berief man sich auf gewichtige Vorstreiter in der Antike. Bereits zu dieser Zeit gab es Kritik gegenüber allem, was nicht naturgetreu war, wie jene des römischen Architekten Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr) in seiner Abhandlung „De architectura“. Der römische Dichter Horaz (65- 8 v. Chr.) hingegen setzte sich in seiner „Ars Poetica“ für die Freiheit der Kunst ein. Und vor mehr als 500 Jahren setzte ein gewisser Hieronymus Bosch einen bis heute wirkenden Markstein, was die Darstellung des Phantastischen, des Visionären, der Mischwesen anbelangt. Er reicht herauf bis zu den Phantasiewesen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Diese Mischwesen wurden in ihrer jeweiligen Entstehungszeit und in ihrem spezifischen kulturellen Umfeld aus den unterschiedlichsten Gründen geschaffen und in diverseste Bedeutungskontexte gestellt. Ebenso unterschiedlich wurden und werden sie von ihren jeweiligen Rezipienten auch gesehen und interpretiert. Waren für Mischwesen in früheren Perioden magische, mythologische und religiöse Aspekte maßgeblich, so dominieren in jüngerer und jüngster Zeit etwa jene der Komik und Satire, der Karikatur, der Ideologie, der Wissenschaft, der Kunsttheorie.

Die „Affenkopfmadonna“ von Ronald Kodritsch evoziert eine ganze Reihe von Assoziationen in uns. Wir sehen in ihr, was wir kennen, wissen, fühlen, womit wir uns gerade beschäftigen. In höllen-, hexen- und dämonengläubigen Menschen früherer Perioden oder in anderen heutigen Glaubens- und Kulturkreisen hätte dieses Wesen Grauen und Panik ausgelöst. Seit der Aufklärung haben in unserer Kultur ursprünglich abschreckend konzipierte Kunstwerke einen völligen Bedeutungswandel vollzogen. Früher dienten Chimären dazu, Gläubige auf dem rechten Weg zu halten. Gerade das Schreckliche, das Ungeheure, das Böse, fasziniert uns nun. Besonders tut es das in der Film-Produktion, in Comics, in Videospielen, in unseren untergründigsten Leidenschaften. Das Grauen ist geradezu zum Wirtschaftsfaktor geworden. Die Ideale von gestern, das Brave, Reine, Himmlische und makellos Schöne, langweilt die viele von uns zu Tode. Die Magie des Skurrilen, Bizarren, Abartigen hat weite Teile der Menschheit fest im Griff.

Zurück zum konkreten Fall „Affenkopfmadonna“. In unserer von Mischwesen dicht bevölkerten massenmedialen Gegenwart dominieren Bilder von Aliens aus der Science- Fiction-Industrie. Aus heutiger Sicht ist es nahezu unmöglich, diesen skurril auf dem Körper Marias sitzenden Affenkopf mit seinen hervor ragenden Zähnen nicht mit den Schöpfungen von H. R. Giger in Verbindung zu bringen. Ebenso drängen sich uns Heutemenschen bei dieser Skulptur höchstens Ängste auf, die mit den Entwicklungen auf dem Gebiet der Gentechnik im Wissenschaftsbereich zu tun haben. Ein einzelner wiederum, der sich gerade mit der französischen Revolution befasst, wird bei der geköpften Madonna an die Zeit der Guillotinierungen, an die Vernichtung des Ständesystems und vielleicht auch an den Zustand der Kirche denken. Gläubigen Katholiken wiederum kommen bei der Muttergottes vollbrachte oder geplante Pilgerreisen nach Lourdes, Medjugore, Fatima in den Sinn. Und wer den Begriff „Madonna“ googelt, der bekommt … alles andere als eine Muttergottes zu sehen. Was denn??? „Österreichs bestes Frauen-Portal – Fashion, Star-Style, Beauty, Gesund, Shopping, Gewinnspiele, Horoskop – Ihr täglicher MADONNA-Blog:“ Und das (mit Stand März 2016, Standort Österreich) an erster Stelle? Und danach? Uuups. Wir leben in sehr, sehr profanen Zeiten.

Beauty. Schönheit. Ob Ronald Kodritsch bei seiner Schöpfung an die „Schönen Madonnen“ gedacht hat? Das ist ein kunstwissenschaftlicher Fachausdruck für stehende

Madonnenplastiken, die in einem gewissen Stil zu einer gewissen Zeit entstanden sind. Sie sind wundervoll, diese „Schönen Madonnen“. Sie alle sind im bereits 1380 ausgebildeten sogenannten „weichen Stil“ gemacht. Und sie entstanden fast während des gesamten 15. Jahrhunderts. Die „Affenkopfmadonna“ von Ronald Kodritsch in Bronze hat zweifelsohne eine eigenwillige Schönheit. Aber da gibt es auch noch seine etwas spätere klobige schwarze „Affenkopfmadonna“. Die soll auch schön sein? Seltsam! Parallel dazu gibt es ja das noch nicht vollständig erforschte Phänomen der „Schwarzen Madonnen“. Das sind Madonnendarstellungen mit schwarzem Gesicht (das ja wie zum Trotze gerade die Affenkopfmadonna nicht hat, sei‘s drum). Sie kommen seit der Romanik und besonders häufig in Frankreich vor. Weitläufig bekannt ist die „Schwarze Madonna von Częstochowa“.

Im vorliegenden Zusammenhang erwähnenswert erscheinen zwei Hypothesen über deren Herkunft. Die eine beruft sich auf das Hohenlied, in dem es heißt: „Ich bin dunkel, aber schön“ (Hld 1,5 EU). Die entsprechende Stelle in der Vulgata lautet: „Nigra sum sed formosa“. Schön, nicht? (Wenn man dabei an die Kodritsch’e schwarze Affenkopfmadonna denkt!) Einige Schwarze Madonnen tragen dieses allerdings vielleicht erst später hinzu gefügte Zitat als Inschrift. Die andere Hypothese aus dem 20. Jahrhundert sieht in antiken schwarzen Göttinnen etwaige Vorläuferinnen der christlichen Schwarzen Madonna und sieht sie, wie generell den Marienkult, somit in jahrtausendealter Tradition stehend. Da wird es abermals interessant.

Die „Affenkopfmadonna“ hat ihre Wurzeln ebenfalls in jener vorgeschichtlichen Zeit, aus der uns die ersten figuralen Darstellungen von Göttinnen überliefert sind. In der letzten Eiszeit sind sie entstanden, jene fettleibigen Frauenstatuetten mit ihren mächtige Gesäßen und riesigen Brüsten, auf denen nicht selten die Arme ruhen. Die Herrinnen über Mensch und Tier, über Leben und Tod wie die Venus von Dolni Věstonice, die Venus von Willendorf , die Venus von Laussel – wie viele andere ihrer Schwestern bezeichnender Weise mit „gesichtslosen“ oder ungegliederten Köpfen oder mit in einen Zapfen auslaufenden Oberkörper. Freilich ist der Weg und Wandel von ihnen bis zu den mittelalterlichen und neuzeitlichen Madonnen, und bis zur „Affenkopfmadonna“, ein weiter. Kybele, Astarte, Isis, Ischtar, Artemis, Demeter, Ceres, Freya – sie und viele auch namenlose andere machen ihn nachvollziehbar.

Aus einer anderen Perspektive betrachtet tritt bei dieser Hybrid-Skulptur klar der synkretistische religiöse Aspekt in den Vordergrund. Kodritsch interessiert sich für afrikanische Fetische und hat auch einige in seiner Sammlung. Vor diesem Hintergrund kann seine Madonna mit dem Affenschädel als Ergebnis einer Überschneidung des Voodoo Glaubens mit der christlichen Religion gedeutet werden. Nicht zufällig wird die Muttergottes mit einem der weiblichen Geistwesen oder Göttinnen (sogenannten Loa’s) des Voodoo Glaubens assoziiert, und zwar mit der Loa Erzulie. Sie steht unter anderem für Liebe, Weiblichkeit, Schönheit und Leidenschaft. Für jeden Loa gibt es ein graphisches Symbol, Veve genannt, welches diesen in einem Ritual repräsentiert. Das Veve für Erzulie enthält ein von einem Schwert durchbohrtes Herz, wie es auch in der christlichen Symbolik für Maria steht. Diese auf den ersten Blick erstaunlichen Parallelen haben ihren Ursprung in der Christianisierung alter Stammeskulturen in der Vergangenheit.

Nicht zuletzt lässt sie sich auch im Assoziationskreis des Weltunterganges, der „Apokalyptischen Frau“, der anfänglich erwähnten, teils kirchlich anerkannten, teils obskuren Marienerscheinungen, -offenbarungen und -prophezeiungen betrachten. Besonders in ihrer schwarzen Version, die irgendwo zwischen Erinnerungen an den „schwarzen Tod“ und Pestärzte mit Vogelköpfen, Brandkatastrophen und Höllenvisionen, Ganzkörperlatexanzug

und Schutzkleidung mit Stahlhelm liegt, werden Gedanken an Epidemien, Krieg und Zerstörung wach, an von Napalm oder Atombomben verbrannte Körper, an Selbstverbrennungen und an die Ölpest, an Sodom und Gommorha, an Weltenbrand, Apokalypse und Fegefeuer, darüber hinaus natürlich auch an Hoffnung und Erlösung.

Allein durch den Totenschädel steckt in dieser Skulptur ebenso auch eine Menge an Vanitas- Symbolik und an kunsthistorischen Reminiszenzen. Man könnte sogar so weit gehen, das ewige und aktuelle Thema Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, aus ihr heraus zu lesen. Hoc et plus – however!

Dieses kombinatorische Spiel mit Vergangenheit und Aktualität, Religion und Mythos, Objektivierung und Subjektivierung, Form und Inhalt interessiert Ronald Kodritsch im vorliegenden Fall. Die mittels Verdichtungen und Verschiebungen von Traum-, Ahnungs-, Wissens- und Assoziationsebenen konzipierte Affenkopfmadonna gibt Rätsel auf. Sie gibt keine eindeutigen Antworten, sondern regt den Rezipienten dazu an, sich auf fundamentale Fragen einzulassen. Sie hat etwas Magisches. Sowohl Ihr Inhalt als auch ihre ruhende, von Symmetrie und schlanker Statik bestimmte formale Komposition machen sie als aus dem Repertoire zahlreicher Ahnen schöpfendes, originäres Hybridgeschöpf über ihren bloßen Kunstcharakter hinaus zu einem Andachtsbild, zu einem Fetisch. Symptomatisch bringt dieses Werk auch zum Ausdruck, wie sich der moderne Mensch aus verschiedenen Zutaten sein Weltbild, somit auch seine Religion mixt.

Ronald Kodritsch – Seelenficken (englisch)

Ronald Kodritsch – Seelenficken (englisch)

2 Oct 2015

Roman Grabner

Ronald Kodritsch – Seelenficken

Fucking
Ronald Kodritsch names his latest exhibition of pictures in the artepari Gallery “Seelenficken”, and presents himself to us with mirrored sunglasses and a cool attitude, wearing the officer’s uniform of a foreign army. Read More

Ronald Kodritsch – Seelenficken (deutsch)

Ronald Kodritsch – Seelenficken (deutsch)

2 Oct 2015

Roman Grabner

Ronald Kodritsch – Seelenficken

„Ronald Kodritsch wird seinem Ruf als politisch unkorrekter Maler des Einschlägigen, Zweideutigen und Vielgerühmten auch in seinen neuesten Bildern gerecht. „Seelenficken” versammelt mit Bildern wie „Blasen”, „Für Fortgeschrittene”, Read More

2 Oct 2015

Sonja Watzka
LSD in Monte Carlo

Zwei Künstlerfreunde entdecken ihre gemeinsame Leidenschaft für Helmut Berger
und können ihn für ein Filmprojekt gewinnen. 3 Tage vor Drehbeginn beendet der
Hauptdarsteller in spe telefonisch die Zusammenarbeit. Read More

2 Oct 2015

Lucas Gehrmann
God, his spirit, man – and his child, the worm

“Now there was a word spoken to me in private, and my ears by stealth as it were received the veins of its whisper. In the horror of a vision by night, when deep sleep is wont to hold men, fear seized upon me, and trembling, and all my bones were affrighted: Read More