COBRA GT

Flache Fauna – Zur Ausstellung Puch-Cobra von Ronald Kodritsch

Puch cobra, burned clay, various sizes


Der wachsende Lebensraum des Menschen führt zwangsweise zu einer Einschränkung der Entwicklungsfreiheit anderer Lebensformen. Die Koexistenz von Tier und Mensch, selbst wenn es sich in einem Fall um das viel geliebte Haustier handelt, wird auf vielfache Weise tragisch gestört. Eine von einem Kleinmotorrad zu Tode überfahrene Katze ist das Resultat, dessen genauere Untersuchung nicht nur dem Bereich des Tierschutzes angehört.

Wenn Ronald Kodritsch überfahrene Katzen aus Ton modelliert und in einer Ausstellung Zeichnungen von Mopedteilen gegenüberstellt, erzeugt er eine narrative Situation. Gleichzeitig liefert er eine Analyse dieses Vorgangs, die “Anatomie eines Mordes”. Die Zeichnungen und skulpturalen Objekte nehmen in ihrer Anordnung die Struktur des Cartoons auf und zielen auf die Schadenfreude des Betrachters ab. Es sind die Szenen, in denen Ziegelsteine durch die Luft fliegen, Protagonisten von Leitern in die Tiefe stürzen oder Tiere bei Explosionen bis auf die nackte Haut abbrennen – dort ist das Gelächter am intensivsten.

Die Tragik eines Unfalls ist im Comic nie tatsächlich präsent. Wie Gummibänder gedehnte Körper oder zu Schrott gefahrene Vehikel sind im nächsten Moment wieder in tadellosem Zustand und steuern der nächsten Actionszene zu. Die moralische Dimension fehlt dabei gänzlich. Die Handlung wie das Ergebnis behalten ihren formalen Gehalt – nach diesen werden Ursache und Wirkung eingeschätzt und vom Betrachter bewertet. Ungeschick und daraus sich ergebender Schaden werden nicht nachhaltig empfunden und somit als Auslöser zum Lachen isoliert erlebt. George Herrimans “Krazy Kat”, erster reiner “funny animal strip”, hatte bereits 1910 eine Maus als Hauptfigur, deren einziger Daseinszweck darin bestand, der gehassten Katze mit einem Wurfgeschoss aufzulauern. Der erste erfolgreiche Wurf von Ignatz der Maus auf den Kopf von Krazy Kat hätte eigentlich letal enden müssen. Es wäre wohl kein guter Cartoon, wenn sich das Opfer nicht hätte kräftig durchschütteln können um sich letztlich heil aus der Affäre zu ziehen. Zwei Seiten weiter trifft der Kieselstein erneut sein Ziel. In der Variation liegt der Reiz. Wie ist der Wurf angelegt? Wie ist die Reaktion des Opfers? Vor allem welche Figur macht der Getroffene im Moment des Aufpralls und was löst er mit seiner Reaktion aus?

Zeichnungen: 2000, graphit/paper, 100 x 70 cm


Die KünstlerInnen der post-68er-Generation, der Ronald Kodritsch angehört, haben Pop-Kultur und damit auch Comics und Kino selbstverständlich aufgesogen ähnlich wie den Siegeszug der neuen Medien. Ein ständig wachsendes Angebot an bilderzeugenden Systemen ist ein unübersehbares Faktum geworden, das auf die bildende Kunst selbstverständlich rückwirkt.

Die modellierten Katzen von Kodritsch weisen deutlich die Reifenspuren der Puch-Cobra auf, die gerade über sie hinwegbrauste. Man kennt diesen formalen Akt aus unzähligen Cartoons, in denen Lastwagen ein Lebewesen flach walzen und nur mehr eine Masse zurücklassen, in der sich das Reifenprofil abgedrückt hat. Möglicherweise schütteln sich Kodritschs Katzen und wenn der Betrachter den nächsten Blick auf sie wirft, ist wieder alles in Ordnung. Sollte das nicht eintreffen, haben wir wenigstens ein Bild der “Mordwaffe”, einer Puch-Cobra. Fahrzeuge haben in der Populärkultur einen festen Platz. Von der “Schlurf-Rakete” der 50er Jahre bis zur Puch-Cobra Ende der 70er oder vom MG der 60er bis zum Golf GTI in den 80er Jahren gibt es diese Fetische der individuellen Mobilität. Immer wieder treffen diese auch heute noch auf die Fetische der kleinbürgerlichen Zuneigung – die Haustiere.

Das trostreiche Miteinander von Mensch und Tier ist dabei meist empfindlich gestört. Dieses Aufeinandertreffen hat Ronald Kodritsch hier thematisiert. Die Zeichnungen geben das Fahrzeug im Detail wieder und erinnern einerseits an technische Zeichnungen, Pläne, aber auch an Phantombilder von “Mördern”. Könnte sich die Katze erinnern, wäre aus ihrer Perspektive wohl das Motorrad der Täter. Im Überlebensfall – und der ist nicht unmöglich – würde ihre Beschreibung an manche Zeichnungen von Ronald Kodritsch erinnern. Ronald Kodritsch kritisiert mit seinen blumentopffärbigen Katzen-Objekten nicht die verelendete Kommunikationsfähigkeit, derer, die im Tier einen “besseren Partner” als den Menschen sehen. Vielmehr setzt er mit seinen Zeichnungen und Objekten ein formales Spiel in Gang.

Die narrative Ebene ist dabei jedenfalls im Tierreich angesiedelt – die Katzen auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Cobra mit dem Tiger im Tank.

Günther Holler-Schuster

 

Impressum: Diese Publikation erschien anlässlich der Ausstellung “PUCH-COBRA GT” von Ronald Kodritsch.

01.04. – 30.04.2000 Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Studio, Kurator: Günther Holler-Schuster