2 Oct 2015
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Ronald Kodritsch im Gespräch über sein Künstler-Ego und die Weltrevolution.
Interview: Michaela Knapp

Herzlich willkommen in meinem Atelier. Hier wird fleißig gearbeitet und immer wieder auch zusammengeräumt, wie Du sehen kannst.
Da gibt´s was Neues, zum Beispiel eine Arbeit aus der Serie der „Puff“- Bilder…. Das erste davon entstand in einer versoffenen Nacht im achten Bezirk auf dem Weg zu einer Freundin. Ich habe auf ein kleines graues Polizeihäuschen mit einem schwarzem Edding „Puff“ geschrieben. Gleich in der früh wollte ich das dann noch photographisch festhalten, es war ein wunderbarer Morgen, doch leider wurde mein Eingriff schon von offizieller Seite weggekratzt. So hat sich eine Serie von Puffs in ungewöhnlichen Umgebungen entwickelt. Also nach dem Foto eben auch Malereien von roten Häuschen im Wald. Ich hab ja diese Bordelle für Kaspar David Friedrich gemacht, damit er in dieser mächtigen Landschaft als klein gemalter Mensch auch ein zuhause hat.

Kleine Puff-Häuschen in romantischer Landschaft, der Weihnachtsmann als böser Onkel, der keine Augen hat, Batman beim Blowjob, Blumenbilder mit schweinischen Sprüchen – in deinen Arbeiten geht es immer um die Verfremdung des Bekannten, das Brechen der Idylle, hinterfotzig spielst du mit Übertreibung, Deformation, und alkoholischer Erleuchtung und bleibst doch bewusst an der Grenze zur Plattitüde.

Sagen wir, ich experimentiere und mache nicht immer das Gleiche.
Natürlich ist meine Arbeit auch autobiographisch zu sehen, aber nicht im Sinne einer Tagebuchschreiberei, kritische Distanz, bitte sehr. Zum Beispiel dieses Selbstportrait, nach einem Kindergartenphoto von mir als Cowboy. Es heißt I was born under a wonderin star. Man sieht also mich als so fünf oder sechsjährigen Cowboy, aber mit meinem Kopf als 33 jährigen, einigermaßen erwachsenen Cowboy. Das sieht dann etwas schaurig aus, weil ja der Kopf viel zu groß für den kleinen Körper ist, als hätte da jemand gentechnisch herumgeschnitzt. Wahrscheinlich, weil ich seit einem Jahr selbst Vater bin, habe ich in meinen alten Kinderphotos gekramt um da Vergleiche zu ziehen. Also, wie hab ich damals ausgesehen, sieht mir mein Kind ähnlich, bestehen wir alle aus Erde, oder wie Helge Schneider meinte: Sind wir mehr wert als die Suppe? Es betreibt doch jeder Selbsttherapie, der was auf sich hält, nicht wahr? Legen wir uns jetzt auf die Couch?

Bleiben wir sitzen und bei der Frage: Wer ist Ronald Kodritsch?
Maler, Spaßvogel, Rockstar, Performer?

Ein Maler, der sich beklagt, dass es in der bildenden Kunst keine Groupies gibt.

Du arbeitest immer wieder in Serien. Nach den Bikinimädchen, den
Palmenbildern, den von einer Puch Cobra überrollten Katzen folgten deine
Photoedition über eine fiktive Lovestory mit Kate Moss und die
Ghost-Paintings, nun die Puffs. Was steht demnächst an?

Die überfahrenen Katzen haben ja auch einen wahren Hintergrund. Als Kind hatten wir zuhause ja immer Katzen und da wir nahe der Straße wohnten, ist so ziemlich jede Katze überfahren worden. Früher oder später. In der Kleinstadt gab es ja Puch-Cobra oder Fantic Halbwüchsige, die mit ihren auffrisierten Motoren möglichst schnell an unserem Haus vorbeifuhren, um genug Schwung zu haben, damit sie es über den Hügel schaffen. Dazu gab es Zeichnungen aus der Betriebsanleitung der besagten Puch-Cobra Kleinmotorräder: das richtige Einstellen der Kupplung, Reinigen des Auspuffs, usw., also die Anleitung zum Überfahren der Katzen.
Dazwischen habe ich aber immer auch gemalt, nicht nur in Serien.
Derzeit geht es mir nicht um ein bestimmtes Thema sondern um die Malerei als solche, obwohl das natürlich nicht ausschließlich so ist. Vieles läuft parallel und die verschiedenen Themen und Medien treffen und ergänzen sich spätestens dann, wenn sie ausgestellt werden. Ich bastle gerade auch an einem Objekt, einem Geist. Ein SM-Monster mit schwarzem Latexumhang, einer Skibrille und einem Katheder mit Flüssigkeitsaustausch, zu dem mich mein letzter Spitalsaufenthalt inspiriert hat.

Ob als Hardcore – Kunstszenestar im Video “NEW WAYS IN ART II“, oder als Geliebter von Kate Moss – Bei Ronald Kodritsch geht es vor allem um das Rollenspiel, wie zuletzt in dem Erpresservideo “Saliera” das du gemeinsam mit Herwig Kopp gedreht hast.

Das hat sich spontan entwickelt. Man blödelt halt gerne und so ist dann auch etwas dabei herausgekommen. Mich hat einerseits interessiert, wie es zu so einem unglaublichen Versicherungswert von 50 Millionen Euro kommt, also dass der Wert der Saliera ja durch den Diebstahl bestimmt wurde, denn dieses Salzfässchen wurde ja noch nie irgendwo zum Verkauf angeboten, außer vielleicht jetzt, und andererseits, wie es für mich ist, in die Rolle eines Erpressers zu schlüpfen. Ob KHM – Direktor Seipel das Gerüst aufgestellt hat, um an die Versicherungssumme zu kommen, bleibt dahingestellt…Jedenfalls haben wir uns als Erpresser getarnt, schicke Anzüge, Sturzhelm und Haarnetz und haben vor laufender Kamera unsere Forderungen gestellt…

Du planst ein Sequel?

Ja. In Sammler – Saliera II hat der Auftraggeber des Diebstahls die Saliera für seine Frau zum Hochzeitstag stehlen lassen, aber ihr gefällt dieses Salzfässchen leider überhaupt nicht, und so möchten die beiden es wieder zurückgeben und dafür Dürers Hasen bekommen. Zu diesem Zweck hat der Sammler auch schon für Schröders Albertina ein Gerüst entworfen…er findet, dass der Hase zwar eine gute Zeichnung ist, aber sie ist noch nicht ganz fertig. Alles braucht einen Hintergrund – und der Sammler ist besessen von dem Gedanken, den Feldhasen in einem Feld zu sehen.

Gemeinsam mit Georg Pruscha hast du ja schon in den 90er Jahren die
Aktionsgruppe „Poncho Brothers“ gegründet, ihr habt gegen
die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst an Uschi Glas einen Protest geliefert, ein Büro für Heiligsprechungen gegründet – was bringen solche Aktionen, außer mediale Aufmerksamkeit?

Was bringt die Kunst schon? Bei den Poncho Brothers ist es uns um ein Spiel mit der Gesellschaft gegangen. Wir wollten die Welt korrigieren, verfeinern, verbessern. Ansatz: Die Welt wird besser, wenn es auf ihr mehr Heilige gibt. Die Welt wird besser, wenn Friedensreich Hundertwasser zum Künstler ernannt wird. Die Behauptungen die wir aufstellten, haben wir auch vehement vertreten. – Sei es als Beamte, die im Büro für Heiligsprechungen die Aspiranten einen Fragenkatalog beantworten ließen und die Antworten in eine klapprige Schreibmaschine hämmerten, oder als Demonstranten, die meinten, dass Pierre Brice oder Horst Tappert mehr für die österreichische Wissenschaft und Kunst getan haben als Uschi Glas.
Das Saliera-Video war aber ein Experiment, wie die Presse auf den gefakten Tathergang reagiert. Laut Anwalt ist das Video nach wie vor ein Erpressungsversuch, wenn auch ein dumm gemachter und vor allem: es geht um 25 Mio Euro, die Herr Seipel an uns zahlen muss, um die Saliera wieder zu sehen. Das ist kriminell, hatte aber zum Glück kein böses Nachspiel. Sicherheitshalber haben wir Herrn Seipel auch eine Kopie zukommen lassen.
Als Ausgleich zur eigenen Arbeit im Atelier entstehen immer wieder Arbeiten mit Freunden und Kollegen, das ist sehr wichtig für mich, damit man sich nicht im Kreis dreht.

Du schreibst auch an einem ausufernden Reise-Tagebuch über deine letzte Asienreise, das gemeinsam mit Zeichnungen als Buch auf den Markt kommen soll, textet und singst schönes Liedgut für deine Künstlerband “Noch drei Kilometer bis Lignano”, inszenierst Videos, fotografierst Tischskulpturen, (Anm: bei denen alle am Tisch sitzenden Personen mit allem auf dem Tisch befindlichen Gegenständen aktionieren können) bleibt noch was offen im Hang zum Gesamtkunstwerk?

Die Weltrevolution im eigenen Wohnzimmer.

Klingt nach einer Mission…

Natürlich nicht. Ich gehe nur von einer bestimmten Idee aus, und das Medium mit dem ich diese Idee umsetzen kann, ist dann auch das beste. Ich würde mich deswegen aber nie als Fotographen, Filmemacher, oder Musiker bezeichnen, sondern eher als einen, der in einem großen Sandkasten sitzt und mit Formen spielt. Meistens male ich ja und das kann ich auch am besten.

Das Bild über der Couch zum Beispiel, ist das neu und kannst Du etwas dazu sagen?

Kurze Beschreibung, da wir ja über das Mikrophon nicht sehen können: US-Polizisten salutieren mit ihren Hunden an der Leine vor einer Staffelei, auf der das Bild des einzigen Polizeischäferhundes zu sehen ist, der beim 9/11-Einsatz umgekommen ist. Ein Auftragsmaler hat den Hund auf Leinen gebannt und man sieht praktisch wie Hunde einem Hund Tribut zollen. Amerikanischer Patriotismus an der Spitze. Das Foto gibt’s übrigens wirklich. Die Polizisten und ihre Hunde sind als schwarze Schablonen gemalt, im Hintergrund ist eine Stadt zu sehen. Der violette Wolkenhimmel gibt dem ganzen etwas Apokalyptisches im Gegensatz zum frischen Gras im Vordergrund. Fin de Amerika. Während die Polizisten salutieren und in Wahrheit salutieren sie ja ihrem Präsidenten, zerstören ihre Kollegen weiter Afghanistan.

Was sind Deine Triebfedern?

Ungeduld und Punk.

 

Michaela Knapp ist Kulturredakteurin bei FORMAT

Written by  Chris

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